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Rees
Reeser Stadtgeschichte aus dem Eff-Eff

Rees: Reeser Stadtgeschichte aus dem Eff-Eff
Heinz Wellmann überreichte Jan Roos gestern das Wappen und die Urkunde der Deutschen Nachtwächtergilde. FOTO: michael scholten
Rees. Jan Roos (9) ist der jüngste Nachtwächter innerhalb der Deutschen Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren. Von Michael Scholten

Gildemeister Heinz Wellmann überreichte dem Reeser Drittklässler gestern ganz offiziell das Wappen und die Urkunde der Gilde, in der sich mehr als 170 Nachtwächter und Gewandete aus Deutschland, Österreich und Frankreich zusammengeschlossen haben. Jan Roos hatte sich für diesen feierlichen Moment seinen Lieblingsort aus der Reeser Stadtgeschichte ausgesucht: die Kasematten unter dem Koenraad Bosman Museum.

Im Frühjahr 2012 hatte der junge Reeser zu seinem Geburtstag eine Nachtwächterführung geschenkt bekommen. Die gefiel ihm und seinen Freunden so gut, dass er noch an zwei weiteren teilnahm. Irgendwann klingelte es dann an der Haustür des Reeser Nachtwächters Heinz Wellmann. Dieser erinnert sich: "Jan sagte, er wolle er auch ein Nachtwächter werden, und fragte, ob er mich begleiten dürfe." Wellmann war genauso überrascht wie erfreut: "Die Gilde ist tendenziell eher überaltert und braucht dringend Nachwuchs. So gesehen, kam Jan genau zur richtigen Zeit."

Sechs Führungen hat der junge Lehrling inzwischen mit seinem Vorbild unternommen. Bei den Kinder-Nachtwächterführungen, die jedes Jahr in den Osterferien und Herbstferien stattfinden, ist Jan Roos gar nicht mehr wegzudenken. "Er sucht sich ein Bauwerk oder en Thema aus und berichtet darüber ganz allein", lobt Heinz Wellmann. "Einmal war das die Skulptur am Bär, ein anderes Mal der Mühlenturm." Dann erzählt Jan Roos mit kräftiger Stimme die tragische Legende vom Reeser Müller, der seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, und deshalb einem Kaufmann seine schöne Tochter versprach. Die liebte aber den Müllerburschen, der so sehr um das Mädchen kämpfte, dass er am Ende mit dem Müller in den Tod stürzte, woraufhin sich die Müllerstochter im Rhein ertränkte.

Auch optisch hat sich Jan Roos dem gestandenen Nachtwächter i ein wenig angepasst: "Er trägt das typische Gewand und hat jetzt sogar die Haare lang wachsen lassen", freut sich Heinz Wellmann. Nur die Hellebarde muss Jan Roos bis zu seinem 18. Geburtstag älteren Gildegenossen überlassen. Die markante Hieb- und Stichwaffe aus dem 14. bis 16. Jahrhundert fällt unter das Waffengesetz. Dafür hat der Lehrling aber einen Stock, den ihm sein Großvater Dieter Roos aus einem hölzernen Fundstück vom Rheinufer geschnitzt hat.

Die Freude an mittelalterlicher Gewandung ist fest in der Familie Roos verankert und hat sogar einen finanziellen Hintergrund. "Wir haben oft Mittelalter-Märkte besucht und irgendwann festgestellt, dass man in Gewandung freien Eintritt erhält", erklärt Vater Dirk Roos. So ging seine Tochter Katharina bald als Prinzessin mit rosarotem Schleier und auch sein Sohn Jan fand immer mehr Gefallen an der historischen Garderobe.

Jan Roos kennt die Reeser Stadtgeschichte inzwischen aus dem Eff-Eff und kann auch alle Strophen des Nachtwächterliedes auswendig singen. Nur das Rufhorn, das er an seinem Gürtel trägt, ist ihm noch nicht geheuer. Wenn er reinbläst, will kein Ton erklingen. Da kann er noch viel von Heinz Wellmann lernen, der mit purer Lungenkraft elefantöse Laute aus seinem Rufhorn stößt, von denen schon so manche schwarzbunte Niederrhein-Kuh bezirzt wurde. Zumindest will das eine Gruppe von Touristinnen beobachtet haben.

Bis Jan Roos irgendwann eigene Nachtwächterführungen, so wie es Heinz Wellmann und sein Stellvertreter Bernd Schäfer regelmäßig tun, werden noch einige Jahre ins Land gehen müssen. Doch der 6. Oktober 2015 ist schon jetzt im Kalender notiert: Dann startet die nächste Kinder-Nachtwächterführung für Schüler in den Herbstferien. Die Teilnahme ist für Kinder bis zu zwölf Jahren kostenlos, die Eltern zahlen fünf Euro.

Quelle: RP
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