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Erkelenz
"Heimat ist zu ruhig geworden"

Erkelenz: "Heimat ist zu ruhig geworden"
Gerta Gormanns kam vor 60 Jahren von Houverath nach Venrath. In beiden Orten hat sie Heimat erfahren und erlebt. FOTO: Anke Backhaus
Erkelenz. Gerta Gormanns spannt den Bogen vom Heimatbegriff aus ihren Kindertagen in Houverath zu dem, der sie heute durch ihr Leben in Venrath begleitet. Der Blick durch ihr Küchenfenster genügt, um Heimat heute neu zu begreifen. Von Anke Backhaus

Von ihrer Küche aus hat Gerta Gormanns einen guten Blick auf die Straße mitten in Venrath. "Heute sieht man keinen mehr. Das ist schon traurig, wie leer das geworden ist", sagt sie. Die 81-Jährige hat da noch ganz andere Zeiten vor Augen. Zeiten, als sie mit vielen anderen Kindern in ihrem Heimatdorf Houverath auf der Straße zum Spielen unterwegs war, meist traf man sich an der kleinen Kapelle. "Wir brauchten doch damals das Dorf überhaupt nicht zu verlassen, weil eben alles da war, was man brauchte." Für heutige Zeiten ein schier unvorstellbarerer Satz, den Gerta Gormanns sagt.

Mit fünf Geschwistern wuchs sie als Gerta Küppers in Houverath in der Landwirtschaft auf. "Die Familie und die Kirche standen im Mittelpunkt. Der Sonntag war immer ein ganz besonderer Tag, weil wir da unsere Sonntagskleider ausführen durften und im guten Zimmer aßen. Stolz war ich, wenn ich ein neues Kleid bekam", erinnert sie sich noch ganz genau. Gedanken an die große weite Welt kamen gar nicht erst auf - es war auch schlichtweg nicht nötig, "weil wir immer beschäftigt waren".

Neben dem Schulbesuch stand viel Arbeit auf dem elterlichen Bauernhof an. "Jeder hatte seine feste Aufgabe. Doch das habe ich nicht als schlimm empfunden, vielmehr gingen Arbeit, Freude und Spiel ineinander über." War sie in Houverath unterwegs, wusste sie ganz genau, wer in welchem Haus wohnt. Jeder kannte jeden. Das gab ein gutes Gefühl, zu Hause, in der Heimat zu sein, dort geborgen und sicher zu sein.

Die Tatsache, viele soziale Kontakte zu pflegen, mit "echten" Menschen zu reden, sie um sich zu haben, machte das Leben in der Heimat aus. In der Heimat war sozusagen "was los", Heimat war lebendig. Oder auch: "Man muss sich vorstellen, dass der Busfahrplan so einen Ort wie Houverath gar nicht kannte. Dann wurde eben alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt."

Diese und noch weitere Themen kann Gerta Gormanns mit ihrem heutigen Begriff von Heimat nicht mehr verbinden. Ihr fehlt die Lebendigkeit vor der eigenen Haustür. Dabei kommt sie wieder auf die Momente zu sprechen, wenn sie aus dem Küchenfenster nach draußen auf die Straße blickt. "Heimat ist heute zu ruhig geworden. Zu wenig Menschen sind in den Dörfern, denen man eigentlich Tag für Tag auf der Straße begegnen müsste", sinniert sie. Und dann sei da heute auch die veränderte Lebenssituation: "Früher war es doch normal, dass mehrere Generationen unter einem Dach zusammen wohnten. Das kannte ich nicht nur als Kind, sondern ging weiter, als ich mit 22 Jahren meinen Mann geheiratet hatte und nach Venrath kam. Für mich ging es vom Bauernhof zum Bauernhof."

Die Mutter von drei Söhnen und einer Tochter und Oma von sechs Enkelkindern versucht, ihr eigenes Verständnis von Heimat zu vermitteln. Mit "3 Leben" hat sie übrigens ein Buch geschrieben, in dem sie ihre Gedanken, die sie durchs Leben begleitet haben, zusammenfasst, und das auf humorvolle, teilweise aber auch nachdenkliche Art und Weise. Als sie noch Schülerin war, wollten ihre Lehrer ihr den Weg zum Gymnasium ebnen. Sie wollte später sogar studieren. Doch ihre Eltern machten ihrer begabten Tochter einen Strich durch die Rechnung - mit dem Ergebnis, dass sie seit vielen Jahren begeisterte Gasthörerin an der Hochschule Niederrhein ist. Themen wie Philosophie, Kunst- und Kulturgeschichte gehören zu den Bereichen, mit denen sich Gerta Gormanns gerne befasst. "Ich tue das, um einen anderen Blick auf die Dinge zu erhalten, darum gehe ich mit Vergnügen zur Hochschule. Außerdem hält das den Kopf fit." Darüber hinaus ist ihr Interesse an dem, was im Dorf passiert, ungebrochen groß. "Nur, dass ich das Geschehen heute eher aus der zweiten Reihe betrachte."

Quelle: RP
 
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