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Erkelenz/Doveren
Naturnahe Schweinezucht

Erkelenz/Doveren: Naturnahe Schweinezucht
Dirk Rösken mit seinen Schwäbisch-Hällischen Landschweinen auf einer Wiese bei Doveren. Vier Gruppen, jeweils ein Wurf eines Muttertiers, leben auf einer von Eichen umgebenen Streuobstwiesen. Stress kennen die Schweine nicht, sie können in freier Natur galoppieren, grunzen, suhlen, schnaufen und fressen. FOTO: Jürgen Laaser
Erkelenz/Doveren. Rainer und Dirk Rösken haben sich der ältesten deutschen Schweinerasse, dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein, verschrieben. Die Erkelenzer Metzgermeister bauen bei Doveren inmitten von viel Natur eine eigene Herde auf. Von Kurt Lehmkuhl

Ein kurzer Pfiff oder ein leiser Lockruf reicht, und schon kommt die kleine Herde im Schweinsgalopp angeprescht. Dabei trifft der Begriff im wahrsten Sinne des Wortes zu, denn es ist tatsächlich eine Gruppe von rund 15 Schweinen, die herangaloppiert kommt. "Keine Sorge", beruhigt Dirk Rösken, "die sind total entspannt und gut drauf." Die Tiere bremsen ab, lassen sich streicheln, einige legen sich wie ein Hund mit ausgebreiteten Beinen auf den Boden und wollen gekrault werden. Von Massentierhaltung weit und breit keine Spur.

Im Gegenteil: Der Metzgermeister aus Erkelenz will gerade weg von der Massentierhaltung, hin zu einer naturnahen Aufzucht des Borstenviehs. Gut zwei Jahre lang hat er gemeinsam mit seinem Vater Rainer Rösken an der Umsetzung ihrer Idee getüftelt, sie verbessert, bis die Ergebnisse so gewesen sind, wie er sie haben wollte. Jetzt ist er soweit, um sagen zu können: "Wir haben unsere eigene Züchtung auf den Stand gebracht, dass wir das Ergebnis unseren Kunden anbieten können."

Der ältesten deutschen Schweinerasse, dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein, haben sich Vater und Sohn verschrieben. Sie verfeinern den "Erkelenzer Ableger", indem sie dem Futter 20 Prozent Eicheln zufügen. Dass da der Gedanke an die Iberico-Schweine aus Spanien aufkommen, liegt auf der Hand. "Auch wir wollten ein Schwein züchten und aufziehen, das wie das Iberico-Schwein frei leben kann und das Eicheln quasi als Grundnahrungsmittel verzehrt."

Es hat gedauert, bis die Idee in die Tat umgesetzt werden konnte. Ein wenig Glück gehörte dazu, als Dirk Rösken einem Tierarzt davon erzählte und dieser einen geeigneten Platz für die Zucht vorschlagen konnte. Ruhig gelegen sollte die Stelle sein, möglichst naturbelassen und groß genug für eine Zucht. "Die Tiere sollten in freier Natur aufwachsen", so lautete die Maßgabe, die schlussendlich bei Doveren in der Nähe der Rur im Landschaftsschutzgebiet umgesetzt werden konnte. "Hier haben die Tiere alles, was sie brauchen", erzählt Dirk Rösken erfreut, "sogar ihre Lieblingsspeise Eicheln." Der Weg zum "Erkelenzer Eichelschwein", das eigentlich ein Schwäbisch-Hällisches Eichelschwein aus eigener Haltung werden sollte, war frei. Vor zwei Jahren schaffte Rösken sich die erste kleine Herde an. Sie bestand aus Tieren, die er von der Bäuerlichen Erzeugergenossenschaft Schwäbisch Hall erstanden hatte. Inzwischen ist der Bestand gewachsen, hat Rösken seine eigenen Muttertiere. 60 bis 80 Schweine sollen bald auf der großen Fläche grunzen, suhlen, schnaufen, fressen. Vier Gruppen, jeweils ein Wurf eines Muttertiers, leben auf den von Eichen umgebenen Streuobstwiesen. Stress kennen die Schweine nicht, sie können galoppieren, ohne dass sie vor Erschöpfung zusammenbrechen; anders als ihre Artgenossen in den Zuchtställen. So sind diese Bestände auf den Wiesen zwischen Brennnesseln, Disteln, Gras und Obstbäumen friedfertig. Angeknabberte Ohren oder abgebissene Ringelschwänze gibt es nicht.

Die Erwartung, mit seiner kleinen Zucht Gewinne zu erzielen, hat Rösken nicht: "Diese Zucht ist meine Leidenschaft." Zwar endet auch das Leben dieser Schweine in aller Regel auf dem Schlachthof, doch decken die Preise für dieses Fleisch gerade einmal die Kosten für die Aufzucht. "Wenn wir Produkte unserer eigenen Schweinezucht im Geschäft anbieten, ist das ein zusätzliches Angebot für Genießer. Das Fleisch ist zwangläufig teurer, aber es ist auch begehrt, da wir nur dann schlachten, wenn wir auch schlachtreife Tiere haben."

Es braucht seine Zeit, bis das glückliche Schweineleben auf der Schlachtbank in Genehen endet. Bis zu 14 Monate - und damit mehr als doppelt so lange - dauert es, bis ein Tier neugierig und unbekümmert zu seiner ersten und letzten Fahrt in den Transportwagen steigt. "Jedes Tier wird von mir gehegt und getätschelt, bis ich es schlachten muss", sagt Rösken. Er hat Respekt vor dem Tier und der Natur. Deshalb gibt es keine fabrikationsmäßige Schlachtung in einem Großbetrieb. Es geht ruhig zu auf dem zertifizierten Schlachthof Chaumet.

Diesen Respekt möchte Rösken gerne weitergeben: an seine Kunden, denen er den Wert des Fleisches bewusstmachen möchte, und an künftige Konsumenten. "Wir haben oft Gruppen von Kindergärten zu Besuch, denen wir das Leben im Einklang mit der Natur beibringen." Die Kinder besuchen beileibe keinen Streichelzoo, sondern erfahren, wie Schweine in einer natürlichen Umgebung leben. Und wenn die Tiere keine Lust mehr haben auf die menschliche Gesellschaft, machen sie sich schleunigst wieder aus dem Staub - im Schweinsgalopp.

Quelle: RP
 
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