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Erkelenz
Zwei Jugendliche reisen zu sich selbst

Erkelenz: Zwei Jugendliche reisen zu sich selbst
Die Darsteller des "Jungen Theaters Bonn" brachten in der Erkelenzer Stadthalle "Tschick" auf die Bühne. Das Theaterstück thematisiert in jugendlicher Sprache Abenteuersehnsucht ebenso wie Einsamkeit und Tod. FOTO: Renate Resch-Rüffer
Erkelenz. Das "Junge Theater Bonn" spielte die Geschichte von zwei 14-Jährigen und ihrer ungewöhnlichen Freundschaft zueinander in der Erkelenzer Stadthalle. Auch Schulklassen verfolgten das Stück nach der bekannten Romanvorlage. Von Renate Resch-Rüffer

Es ist die Geschichte eines Sommers. Zwei Jungs machen sich mit einem "geliehenen" Auto auf eine abenteuerliche Irrfahrt durch die deutsche Provinz. Zwei unterschiedliche Charaktere werden sichtbar. Maik Klingenberg, in gut situierten Verhältnissen aufgewachsen, wohnt mit seinen Eltern in einer Villa in Berlin. Als die großen Ferien beginnen, geht Maik's Mutter in eine Entzugsklinik und sein Vater mit seiner "Assistentin" auf Geschäftsreise. Maik bleibt allein am Pool zurück. Der Russlanddeutsche Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, der es von der Förderschule auf das Gymnasium geschafft hat, aber nicht als Musterbeispiel für Integration gelten kann, besucht ihn. Er schlägt Maik einen Ausflug in dem "geliehenen", betagten Lada vor. So machen sich die beiden ohne Karte und Kompass auf den Weg zu Tschick's Großvater in die Walachei.

Das Stück beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Phänomenen der jugendlichen Erlebenswelt. Einerseits mit der offensichtlichen und für alle sichtbaren Verwahrlosung durch Armut und fehlende familiäre Strukturen ebenso wie der geistigen und emotionalen Vernachlässigung von Jugendlichen in scheinbar gut situierten Verhältnissen. Dem stellt es aktives Erleben von alltäglichen Dingen gegenüber. Ein Sonnenuntergang, ein Bad im Stausee werden zum Abenteuer, auch erste Gefühle von Liebe und wahrer Freundschaft spielen mit. In jugendlicher Sprache thematisiert das Stück Abenteuersehnsucht ebenso wie Einsamkeit und Tod.

"Mein Arm hing aus dem Fenster, mein Kopf lag auf dem Arm. Wir fuhren Tempo 30 zwischen Wiesen und Feldern hindurch, über denen langsam die Sonne aufging, irgendwo hinter Rahnsdorf, und es war das Schönste, und Seltsamste, was ich je erlebt habe."

Der Autor Wolfgang Herrndorf erhielt im Februar 2010 die Diagnose Hirntumor. Von diesem Moment an schrieb er gegen seinen Tod an, brachte den Roman Tschick noch im Jahr 2010 heraus, gefolgt von "Sand" im November 2011. Er schrieb, solange ihm das möglich war, und kapitulierte im August 2013. Als seine Motorik und Sensorik ihm nicht mehr gehorchten, wählte er den Freitod. In seinen Büchern und Texten, die in dieser Zeit entstanden, zeigen sich sein Blick auf die Welt, seine Lebensweisheit und Wahrnehmung.

Die Publikumsreihen der Erkelenzer Stadthalle waren gefüllt mit interessierten Erwachsenen aus dem Stadtgebiet, aber auch mit Schulklassen, die das Buch als Lektüre in der 8. Klasse behandeln.

Das "Junge Theater Bonn" besetzt die Rollen mit jugendlichen Darstellern an der Seite von Profischauspielern und zeigt so die Thematik authentisch dem Publikum. Die Fahrt durch die Provinz ist komisch oder berührend, manchmal gefährlich und immer spannend. Und obwohl die Jugendlichen nichts wirklich suchen, finden sie das Unerwartete: sich selbst, Freundschaft und Freiheit.

Quelle: RP
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