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Gastbeitrag
Als St. Martin durch die Trümmer zog

Geldern. Heute zieht in Geldern der Heilige Mann durch die Innenstadt. Der bekannte Metzgermeister Ludwig Tenhaef erinnert sich an 1945, als Geldern in Schutt und Asche lag und er selbst als Junge seine erste Tüte bekam - im elterlichen Schlachthaus.

Es wurde Herbst, und es ging auf St. Martin zu. Wir Kinder, die hier 1945 wohnten, wollten einen St.-Martinszug. Wir hatten ja viel davon gehört, aber noch nie einen mitgemacht. Im Krieg gab es so etwas nicht. Ich, Jahrgang 1933, hatte bis dahin noch nie einen St.-Martinszug als Teilnehmer mitgemacht. Wir gingen von Haus zu Haus und bettelten um Brotmarken, denn wir wussten, dass St. Martin Weckmänner brachte, was wir nur vom Hörensagen kannten. So etwas sollte unser St. Martin auch mitbringen. Wir bekamen Äpfel, Nüsse, Geld - wofür man nichts kaufen konnte - und auch einige Brotmarken. Als wir das meine Mutter zeigten, sah Mutter, dass wir überfordert waren. Sie sagte: "Gebt das alles her." Und sie organisierte dann mit einigen Nachbarn einen St.-Martinszug. Unterstützung bekam sie aus der ganzen Nachbarschaft. Fritz Hamel, Vaters Kollege, besaß ein fast weißes Pferd. Seine Frau fand einen Teppich und einen Sessel für St. Martin. Der größte Raum in der Straße war auf der Issumer Straße 60 unser Schlachthaus. Da stand auch ein Schweineschragen - ein Tisch, auf dem enthaarte Schweine bearbeitet wurden. Hubert Waerder war Abiturient, er wurde zum St. Martin.

Zwei Tage vor unserem Zug war auf der Issumer Landstraße ein St.- Martinszug am Wasserturm unterwegs. Dort war der St. Martin der spätere Kaplan Josef Maghs, der dort wohnte, und den Hubert Waerder kannte. Dort gingen wir gucken, wie die das machten - was die konnten, können wir auch.

Alle Kinder aus der Nachbarschaft wussten Bescheid und standen mit selbst gemachten Kerzen und Fackeln am Abend bereit. Viele hatten ausgehöhlte Rüben. Es gab ja nichts zu kaufen, um Fackeln zu kleben und zu basteln. Auch hatte sich in der Stadt rundgesprochen, dass auf der Issumer Straße ein St. Martinszug zog und viele Schaulustige waren da. Jeder wollte diesen Martinszug nach so vielen Jahren sehen. Es war eigentlich sehr traurig, aber für all' die Menschen nach so langer Zeit doch wieder eine Sensation. Es gab kein Schaufenster, das beleuchtet war, denn es gab überhaupt keine mehr. Straßenbeleuchtung gab es auch nicht, fast alle Häuser waren kaputt. Die Bürgersteige lagen voller Schutt. Nur die Straße waren vom Schutt geräumt. Die ganze Stadt war dunkel, doch unsere Laternen leuchteten und Sankt Martin saß hoch zu Pferd. Wir zogen Issumer Straße, Dammerstraße, (heute Hülser-Klosterstraße), Nordwall, Hartstraße, Markt, Issumer Straße und wieder zu uns.

Die Erwachsenen sangen alle mit, denn die kannten die Martinslieder noch. Wir Kinder mussten sie erst noch lernen. Wir hatten sie ja im Krieg nie singen dürfen. Bei uns im Schlachthaus saß der St. Martin in einem hohen Lehnstuhl. Auf dem besagten Schweineschragen lag ein Teppich. St. Martin sah würdevoll aus - für diese Zeit. Er trug ein altes Priestergewand, einen Bischofshut, hatte einen Bischofsstab und einen weißen Bart aus Watte. Über St. Martin befanden sich die Schlachthaushaken, wo sonst Schweine und Rinder hingen. Das störte aber nicht weiter. So etwas Überwältigendes hatten wir Kriegskinder nämlich noch nie gesehen. Jedes Kind der Straße hatte einen Gutschein für eine Tüte, den St. Martin zerreißen musste, wenn er sie ausgab. Dabei pflückte er jedes Mal ein Stückchen von seinem Wattebart ab, was nicht so richtig schön war. Die Eltern hatten sogar richtige Papier-Tüten besorgen können. Die waren gefüllt mit einem Weckmann, der zu dieser Zeit etwas ganz Besonderes war, drei von Nachbarn gespendeten Plätzchen, einem Apfel, Nüsse, Mispeln. Schokolade, Bonbons und Apfelsinen gab es zu der Zeit nicht.

Die heutigen St. Martinszüge sind ganz toll organisiert, großartig. Aber dieser Zug nach dem Krieg war sowas besonders Ergreifendes und Einmaliges.

Man kann es eigentlich nicht beschreiben.

Es war ein einfaches, aber schönes Martinsfest in den Trümmern. Alle waren zufrieden und glücklich, so etwas Schönes wieder mitmachen zu dürfen in dieser zerbombten Stadt Geldern.

LUDWIG TENHAEF

Quelle: RP
 
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