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Rp-Serie Wegekreuze Und Heiligenhäuschen (42)
Das Kreuz, das Hagel und Pest immer getrotzt hat

Rp-Serie Wegekreuze Und Heiligenhäuschen (42): Das Kreuz, das Hagel und Pest immer getrotzt hat
Der Platz um die Kapelle ist von Unkraut befreit, die Tür steht weit offen für die Besucher der Maiandacht. FOTO: Thomas Binn (binn)
Geldern. 577 Jahre alt ist die Granitsäule, die an der Walbecker Straße in Straelen gen Himmel ragt. Errichtet hat sie 1439 Jan Engelberghs zum Schutz vor Unwetter. Später bekam es die Bezeichnung "Pestkreuz". In der Kapelle wird heute noch Maiandacht gefeiert. Die Pflege ist Familienehrensache. Von Bianca Mokwa

Straelen Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Das scharrende Geräusch der Harke ist zu hören. Matthias Pasch erinnert sich daran, wie er schon früher mit seinem Großvater zum Hagelkreuz kam, dieser schuffelte und er die Grasbüschel und Unkraut aus dem Kies zog. "Mit fünf Jahren hat man da auch nicht immer Lust drauf", sagt der Straelener, bückt sich und hebt ein Grasbüschel, das da nicht hingehört, aus dem Kies. "Manchmal hat es aber auch Spaß gemacht", sagt der 77-Jährige. Dann trafen sich am Hagelkreuz "die Alten" zum Plausch unter den Linden. Gepflanzt wurden die 1762 von Vikar Scholten.

An der Seite des Kapellchens ist eine Bank eingelassen. Vorne auf dem goldfarbenen Schild steht: "Wanderer, du befindest dich hier auf geweihtem Boden." Das Wesentliche bleibt für den Besucher der Kapelle zunächst unsichtbar. Denn hinter der Kapelle steht das eigentliche Hagelkreuz. Die Säule aus belgischem Granit mit dem Kruzifix auf der Spitze stammt aus dem Jahr 1439. Errichtet wurde es als Bittkreuz von Jan Engelberghs. Es sollte zum Schutz vor Hagelschlag und Unwetter dienen. Pasch, besser bekannt als Kauen This, schaut über die Felder, die sich am Fuße des Hagelkreuzes erstrecken. "Man vermutet es nicht, aber wir sind auf einer Anhöhe", beginnt er seine Erklärung. Er muss nicht lange überlegen, da fallen ihm einige Blitzeinschläge in unmittelbarer Nähe ein. "1917 ist das Vorderhaus bei uns abgebrannt, in den 1950er Jahre stand dort ein Getreideschober", sagt Pasch und zeigt über die Felder hinweg. Der sei auch eingeäschert worden. Vor etwa 15 Jahren habe es dann ein Haus weiter rechts erwischt. Und das einem Gärtner ordentlich der Salat verhagelt wurde, das habe er auch schon dort erlebt. Das Hagelkreuz, als Bittkreuz errichtet, macht an dieser Stelle Sinn.

1635 wütete die Pest auch in Straelen und forderte 389 Menschenleben. Die Pesttoten durften nicht auf dem Friedhof vergraben werden, sondern liegen auf dem Gelände am Hagelkreuz, das seitdem auch den Namen "Pestkreuz" bekam. 1762 nahm sich Vikar Scholten dem Kreuz und der Kapelle an und erweiterte die Gebetsstätte um die drei Fußfälle Christi. Für Schatten sorgten fortan die 13 Linden, die der Geistliche pflanzte. Einige der alten Lindenbäume stehen heute noch.

Kurzes Verweilen nach getaner Arbeit: Matthias Pasch sitzt auf den Stufen zum Hagelkreuz. Seine Familie kümmert sich seit Generationen um die Bet-Stelle. FOTO: Thomas Binn

Die drei Fußfälle Christi erinnern an die Leidensgeschichte des Gottessohnes. Auf seinem Weg zur Hinrichtung fiel er drei Mal mit dem Kreuz. Mit der Begradigung der Walbecker Straße in den 1970er Jahren rückten die drei "Fußfälle" in die Nähe des Hagelkreuzes.

Die Strecke vom Hagelkreuz bis zum Hochaltar von St. Peter und Paul Straelen soll übrigens genauso weit sein, wie Jesus Christus von seiner Verurteilung vom Palast Pontius Pilatus bis nach Golgatha zurücklegte. "Aber das weiß ich nur aus dem Volksmund", sagt Pasch.

Das Kapellchen wurde 1928 auch zur Kriegergedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Im Zweiten Weltkrieg wäre die Stätte um Haaresbreite zerstört worden. "Im Feld stand eine Flakstellung", sagt Pasch und zeigt auf eine Stelle unweit des Kreuzes. Der Abschuss eines amerikanischen Jagdflugzeuges sorgte für eine breite Schneise in den Feldern und der Bauernschaft. Das Hagelkreuz und die Kapelle blieben erhalten. Nur die Glocke, die hat man vor dem Einschmelzen in Kriegszeiten bewahren wollen und versteckt. Sie läutet nicht mehr im kleinen Türmchen der Kapelle. Heutzutage läutet sie die Messe in St. Peter und Paul an. Vor einigen Jahren ist eine neue Glocke für das Kapellchen gestiftet worden. Sie hängt jetzt dort.

Die Straelener "Betkapelle" an der Walbecker Straße spielt sogar in einem Heimatgedicht eine Hauptrolle. Acht Strophen hat das und hängt in der Kapelle aus. Geschrieben wurde es von Friedrich Bücker, einem Lehrer aus Straelen. "Das haben wir noch in der Schule gelernt", sagt Pasch. Er macht sich einen Spaß daraus, wenn Kommunionkinder zur Kapelle kommen, das Gedicht aufzusagen. "Aber wehe, die schauen auf den Text und ich habe was falsch gemacht", sagt er lachend. An den Kommunionunterricht habe sich dann wohl auch ein Junge erinnert, der mit seinen Freunden an der Kapelle Schaden anrichtete. "Als der Junge darin stand, hat er sich wohl erinnert, dass die Kapelle doch eine Bedeutung hat", sagt Pasch, der ihn und seine Gefährten auf frischer Tat ertappte. "Wie Jungs so sind", sagt er ohne Bitterkeit. Die hatten alles wieder in Ordnung bringen müssen.

So oft es geht, schauen Pasch und seine Frau nach der Kapelle. Um den Blumenschmuck kümmerte sich in der Vergangenheit auch Gisela Wegener. Bei Pasch war es schon seine Mutter Franziska und sein Großvater. Es ist Familienehrensache. Für heute packt Pasch seine Schuffel ein und schwingt sich aufs Fahrrad. Der Wind lässt die Blätter der großen, alten Linden über ihm rascheln.

Quelle: RP
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