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Geldern
War die Sekundarschule "ein Fehler"?

Geldern: War die Sekundarschule "ein Fehler"?
Die Sekundarschule Niederrhein (links) und die Realschule an der Fleuth (rechts) liegen in direkter Nachbarschaft zueinander. Das heißt nicht, dass sie sich gut vertragen. FOTO: van offern
Geldern. Das Schulmodell droht in Geldern zu scheitern. Alles kommt auf den Prüfstand, die Politik will die Bildungslandschaft neu überdenken. Pläne für Acht-Millionen-Euro-Neubau für Sekundar- und Realschule an der Fleuth vorerst gestoppt. Von Sina Zehrfeld

Die Sekundarschule selbst war es, die mit deutlichen Worten Alarm schlug. "Sekundarschulen dürfen keine ,Restschulen' werden", schreiben Leitung und Schulpflegschaft in einem Brief an die Stadt und Bezirksregierung.

Das Modell "Sekundarschule" baut darauf auf, dass es einen Schülermix mit leistungsstarken und -schwachen Schülern gibt. Das ist aber in Geldern nicht gegeben. Dafür machen die Vertreter der Sekundarschule die Politik verantwortlich: Die habe das Ziel "unterlaufen, als auf Drängen von Eltern eine zusätzliche Realschulklasse an der Fleuth genehmigt wurde".

FOTO: van Offern Markus

Die benachbarte Realschule konnte dadurch alle Schüler aufnehmen, die es dort versuchen wollten. Und das habe zur Folge gehabt, dass für die Sekundarschule zu 80 Prozent Kinder mit Hauptschulempfehlung übrig blieben. Kommen im Laufe der Zeit noch sitzengebliebene Realschüler dazu, würde das Missverhältnis noch größer.

Der Brief prangert an: "Handelt es sich nicht - nüchtern betrachtet - um einen Etikettenschwindel: Die alte Hauptschule wird gleichzeitig Förderschule und heißt fortan Sekundarschule?"

Richtig erkannt, erklärte Matthias Otto von der Bezirksregierung Düsseldorf jetzt vor dem Gelderner Schulausschuss. An der vorgelegten Problembeschreibung gebe es "schulfachlich nichts zu zweifeln". Von der notwendigen Durchmischung der Schülerschaft könne man "nicht mehr sprechen". Und es sei nicht klar, wie sich das Problem ausgerechnet in der vielgestaltigen Schullandschaft Gelderns lösen lassen sollte: "Das ist eine Konkurrenzsituation, die es den aufbauenden Schulen sehr schwer macht." Als Hauptschul-Ersatz ist eine Sekundarschule einfach nicht attraktiv für Familien.

Immerhin: Geldern ist mit der Misere nicht allein. In anderen Kommunen gebe es ähnliche Schwierigkeiten, so Otto. Was jedoch kein Trost ist. Denn die Antwort auf die Frage von Lucas van Stephoudt (FDP), wie andere Städte denn "am Ende dieses Problem zu lösen gewusst" hätten, war ernüchternd: "Am Ende sind wir ja noch nicht. Wir sind auf hoher See."

Natürlich kann die Politik Kinder auf die Sekundarschule bringen, indem sie an anderen Schulen weniger Schüler zulässt, so dass dort Kinder abgewiesen werden. Dann werde der Elternwille eben nicht durchgesetzt. "Das mag man beklagenswert finden", so Otto - aber es gehe nun mal ums Schulwesen. Manche Kommunen, stellte er fest, hätten ihre Sekundar- auch zu Gesamtschulen umgewandelt.

Auch für die Sorge wegen der Kinder, die mangels Leistung von der Real-auf die Sekundarschule wechseln, nannte der Mann von der Bezirksregierung keine Lösung, sondern Anforderungen. Alle Kinder hätten zunächst mal das Recht auf individuelle Förderung: "Die Schulen haben eine Verantwortung", sagte er. -aber wenn das nicht hilft, dann seien die Sekundar- und Gesamtschulen eben zur Aufnahme verpflichtet. "Aus diesem Dilemma kommt man nicht raus."

Jetzt will die Gelderner Politik die Schullandschaft grundlegend überdenken. Mit der Sekundarschule habe man sich seinerzeit auf den "kleinsten gemeinsamen Nenner" geeinigt, meinte Hejo Eicker (SPD): "Das war wahrscheinlich im Nachhinein ein Fehler."

Einhellig beschlossen die Politiker, eine neue Schulplanung mit neuem Gutachten aufzustellen. Die Planungen für den Acht-Millionen-Euro-Neubau zwischen Sekundar- und Realschule werden vorerst auf Eis gelegt.

Quelle: RP
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