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Hilden
Frauen lernen Selbstverteidigung

Hilden: Frauen lernen Selbstverteidigung
Nach einer beherzten Schocktechnik löst eine Teilnehmerin mit einem kräftigen Ruck ihr zuvor fest von der Angreiferin umklammertes Handgelenk. FOTO: Olaf Staschik
Hilden. Bei einem Kursus am Holterhöfchen üben 25 Teilnehmerinnen, wie man sich mit Schirm oder Kuli wehrt. Von Isabel Klaas

Ein bisschen schwer tun sich die 25 Frauen und Mädchen schon, als sie laut schreiend mit dem Kugelschreiber auf ihren Angreifer einstechen sollen. Und als ihr Lehrer Johann Dekorsi sie dann noch auffordert, "ruhig ein bisschen in der Wunde rumzustochern", ist den meisten Teilnehmerinnen des Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurses der Allgemeinen Turnerschaft Hilden (HAT) der Abscheu ins Gesicht geschrieben.

"Zimperlich darf man nicht sein, wenn es um die eigene Haut geht", macht der Vierte Dan im Ju-Jutsu seinen Schützlingen klar. "Denn der Aggressor kennt mit Sicherheit kein Mitleid und auch keine moralischen Bedenken." Zehn Stunden lang übten die Frauen mit Dekorsi Abwehrtechniken gegen Übergriffe im Schulzentrum Am Holterhöfchen ein: Kampfschreie, Tritte in die Kniekehlen und in den Genitalbereich, den Griff in die Haare oder den kräftige Schlag auf beide Ohren. Im Ernstfall sollen sie den Täter zumindest in die Flucht schlagen können.

Am zweiten Tag tun sich die Teilnehmerinnen beim kräftigen Gebrauch ihrer Stimme und der körperlichen Abwehrhaltung schon leichter. Manche schlagen beim simulierten Angriff heftig zu, ziehen dem imaginären Täter den Schirm mit Schmackes über, setzen die Kante der Scheckkarte als Messer ein oder rammen ihm die Flasche wütend in den Bauch. "Gut so", lobt Johann Dekorsi, das kräftige Muskelpaket mit der optimalen Körperspannung. Seit mehr als 40 Jahren betreibt der 60-jährige Planungsingenieur die aus Japan stammenden Ju-Jutsu-Technik. Wenn er vormacht, wie man die Handtasche schwingen und als Waffe einsetzen kann, glaubt man ihm gerne, dass er damit nahezu jeden, der ihm Böses will, in die Flucht zu schlagen vermag. Aber wird die Frau das auch können? Die 14-jährige Gesine gibt offen zu: "Ich glaube, bei einem Angriff von einem Mann würde ich eher laut um Hilfe schreien als ihn zu attackieren." Zumindest den Schrei hat die zarte Brünette an diesen beiden Tagen gelernt. Und das findet sie gut. Gemeinsam mit ihrer Mutter Ingrid (50) hat sie den Selbstverteidigungskursus belegt. "Das hier ist praxisnah", sagt Ingrid, "es werden Situationen durchgespielt, die durchaus passieren können. Jetzt wissen wir, was zu machen ist. Und das beruhigt. Und ich möchte meine Tochter noch ohne Angst allein ins Waldbad gehen lassen."

Wie sie sind auch andere Mütter mit ihren Töchtern da. Nach den Geschehnissen in der Silvesternacht in Köln wollen sie ihre Kinder für den Notfall vorbereitet wissen. Auch Dekorsi beobachtet, dass in den vergangenen Monaten mehr Frauen zu Selbstverteidigungskursen kommen. Vor einem Jahr waren es 16, jetzt sind es schon 25, sagt er.

Sabrina (31) findet, "an so einem Kursus teilzunehmen, kann nie falsch sein". "Wir kriegen hier mehr Selbstvertrauen und erfahren, es gibt immer Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen: mit dem Finger in die Augen stechen oder den Pressschlag auf die Ohren", sagt Tina (32). "Das ist auf jeden Fall besser, als automatisch in die Opferrolle zu fallen."

Die meisten Teilnehmerinnen sind nach zehn Übungsstunden zuversichtlich, dass sie im Ernstfall in der Lage sein werden, die Schocksekunden, die auf einen unerwarteten Angriff folgen, schneller im Griff zu haben. "Ich weiß jetzt, dass auch eine weniger kräftige Frau in der Lage ist, dem Angreifer empfindlich weh zu tun", sagt eine ältere Teilnehmerin. Ob sie allerdings schon auf dem Boden liegend die Geistesgegenwart hat, dem Mann, der über ihr kniet, kräftig eins auf die Ohren zu verpassen und ihn in der Klammerhaltung ihrer Beine in Schach zu halten, bis Hilfe eintrifft, ist fraglich. Aber oft reicht ja auch die selbstbewusste Abwehrhaltung, den Täter zu vertreiben. Ganz wichtig: Wer angegriffen wird, sollte nur an die eigene Haut denken.

Quelle: RP
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