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Auf Ein Wort Klaus Heep
Gedenken - und was weiter?

Hilden. An diesem 24. April jährt sich zum 100. Mal der Beginn der folgenschweren Ereignisse von Verfolgung, Deportation und Ermordung, der schätzungsweise 1,5 Millionen der im damaligen Osmanischen Reich lebenden 2,5 Millinen Armenier zum Opfer fielen. Unabhängig von der Diskussion, ob es sich hierbei um Genozid gehandelt hat oder nicht, stellt sich mir die Frage, ob dieser Gedenktag in der Fülle von Gedenktagen und thematisch bestimmten Tagen im Laufe des Jahres mehr bewirken mag als ein punktuelles Betroffen-Sein. Berühren die angesprochenen Ereignisse mich denn auch tiefer? Verändert das jährliche Gedenken irgendetwas? Die Aussage des Patriarchen Sawen Jerjajan beim ersten Gedenkgottesdienst für die Opfer im April 1919: "Sämtliche Märtyrer sind wie Weizenkörner: Von der Erde bedeckt, werden sie keimen und reichlich Frucht tragen!" - bewahrheitet sie sich?

Das Bild vom Keimen und Fruchttragen beschreibt einen Prozess, der an Bedingungen geknüpft ist, der nicht "einfach so" abläuft. Übertragen auf das Fruchtbarwerden solcher Gedenktage wie heute bedeutet das, dass ich mich mit dem Geschehen und seinen Hintergründen auseinandersetzen muss. Das mag schnell dahin führen, dass ich vor der Frage stehe: Wie gehe ich mit Menschen um, die mein Lebens-Konzept nicht teilen, die nicht zu meiner Gruppe meinem Volk, meinem Kulturkreis gehören? Gönne ich auch ihnen den Lebensraum, den sie brauchen, auch in meiner Nachbarschaft...? Ich bin davon überzeugt, dass sich Geschichte nur dann nicht wiederholt, wenn jeder und jede Einzelne von uns sich bewusst für ein offenes Zugehen auch auf den Fremden entscheidet. So - und nur so können auch die Opfer von Verfolgung und Ermordung Frucht bringen. Ich wünsche Ihnen Kraft und Mut, das zu tun, was nottut - über den heutigen Tag hinaus.

Quelle: RP
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