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Kreis Viersen
Archäologen finden Soldatengräber

Kreis Viersen: Archäologen finden Soldatengräber
Johannes Tieke vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege bei der Arbeit auf der Gedenkstätte. Er deutet auf eine Stelle, an der die Bodenveränderung auf ein früheres Soldatengrab hinweist. FOTO: Zöhren
Kreis Viersen. Für die Umgestaltung der Gedenkstätte in Hostert sind die Fundamente angelegt worden, auf denen eine Gedenkmauer errichtet wird. Bei den Erdarbeiten waren Denkmalpfleger zugegen, die Erstaunliches zutage förderten. Von Birgitta Ronge

Eine Feldflasche und ein paar Stofffetzen. Das sind die greifbaren Dinge, die Archäologen des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege, Abteilung Xanten, auf der Gedenkstätte in Hostert gefunden haben. Die Archäologen waren gerufen worden, weil die Gedenkstätte derzeit künstlerisch umgestaltet wird. Unter anderem soll eine Mauer errichtet werden, an der die Namen der 548 Menschen verzeichnet sind, die in der NS-Zeit in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Hostert starben. 99 Kinder waren darunter, viele von ihnen wurden in der Kinderfachabteilung im Rahmen des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten ermordet.

Für die Mauer waren Fundamente nötig, die inzwischen angelegt worden sind, ebenso wie die Wege. Dort wurden die Archäologen tätig, nicht aber auf der gesamten Anlage. "Wir haben nur an den Stellen Untersuchungen durchgeführt, an denen Bodeneingriffe stattfinden", erklärt Julia Obladen-Kauder, Abteilungsleiterin in Xanten. "Dort haben wir auch Befunde - Gott sei Dank aber keine Kindergräber."

Bei den Untersuchungen fanden die Archäologen jetzt die Überreste von 16 Soldatengräbern. Feldflasche und Stofffetzen sind das, was blieb - Knochen fanden die Fachleute nicht mehr. Wie Peter Zöhren, der seit Jahrzehnten die Geschichte von Hostert erforscht, berichtet, rückten zum 1. März 1945 die Amerikaner auf Hostert vor. Heftige Kämpfe gab es vor den Sektionen Berg und Eicken, viele deutsche Soldaten fielen. 53 Soldaten und zwei Zivilisten wurden auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzt. Am 8. Dezember 1953 wurden die meisten von ihnen nach Wickrath, zwei Zivilisten nach Waldniel umgebettet.

So sieht die Gedenkstätte derzeit aus. Die Hecke, bislang 1,50 Meter hoch, soll laut Gemeindeverwaltung künftig über zwei Meter hoch werden. FOTO: Knappe

Mit der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Hostert und dem Schicksal der behinderten Kinder in der Kinderfachabteilung hatten sich die Experten zuvor vertraut gemacht. "Auch für Archäologen ist das ein ethisch-moralisch schwerer Gang", sagt Obladen-Kauder. "Wir haben uns im Vorfeld intensiv mit dem Buch von Andreas Kinast (,Das Kind ist nicht abrichtfähig') auseinander gesetzt. Das hat mich sehr betroffen gemacht."

Bevor die Rheinprovinz 1937 die Anlage kaufte, hatten die Franziskaner ab 1913 dort das St.-Josefsheim für bis zu 600 Menschen geführt, die geistig oder körperlich behindert waren. Zu Zeiten der Franziskaner war der Friedhof rund 1200 Quadratmeter groß. Die Fläche wurde später erweitert: Beim Verkauf an die Bundesvermögensanstalt 1955 wurde die Bestattungsfläche mit 1977 Quadratmetern angegeben, hinzu kam eine Parzelle mit 75 Quadratmetern.

Nachdem die Rheinprovinz das Gelände erworben hatte, wurden bis zu 1300 Menschen dort untergebracht. Die Kinderfachabteilung, die von 1941 bis 1943 geführt wurde, war mit 200 Betten eine der größten im Deutschen Reich.

Für die Zeit der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt führt die Gräberliste der erwachsenen Patienten insgesamt 523 Beerdigungen auf dem Anstaltsfriedhof auf - von Grabnummer 301 im Jahr 1937 bis Grabnummer 822 im Jahr 1951. Unter den 523 Verstorbenen waren fünf Kinder, die bei den Erwachsenen bestattet wurden, wie Zöhren ausführt. Zusätzlich gibt es eine Liste für die Kindergräber. Sie beginnt 1937 mit der Grabnummer 1001 und endet mit Nummer 1079. Zöhren zufolge wurden in diesen Gräbern 70 Kinder bestattet, die in den Jahren 1942 und 1943 in der Kinderfachabteilung starben.

Neun Kinder starben 1944. Da gab es in Hostert keine Kinderfachabteilung mehr, sie war im Sommer 1943 aufgelöst worden. Bis Oktober 1944 wurde Hostert als Ausweichkrankenhaus genutzt, als es Luftangriffe auf die umliegenden Städte wie Rheydt oder Düsseldorf gab. Unter anderem wurden in Hostert damals Patienten aus der Kinderklinik Düsseldorf behandelt. Zwei russische Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die aus Düsseldorf nach Hostert gekommen waren, wurden in dieser Zeit am Rande des Friedhofs bestattet. Auch Bombenopfer der Luftangriffe auf Rheydt starben im Ausweichkrankenhaus.

Für 548 Menschen, unter ihnen 99 Kinder, haben Paten im Rahmen der künstlerischen Umgestaltung Wachstäfelchen mit den Namen der Toten beschriftet. Die Namen werden auf Messingtäfelchen graviert und an der Mauer angebracht, die künftig die Gedenkstätte an einer Seite begrenzen soll. Doch es gibt mehr Tote, als es Gräber gibt. Wo sind die übrigen Verstorbenen bestattet? Das weiß auch Zöhren nicht genau. "Einige wurden von ihren Angehörigen abgeholt und zu Hause bestattet", sagt er. Das lasse sich zum Teil aus den Akten ersehen.

Wo hingegen einige andere Patienten bestattet wurden, wird wohl nie klar werden. Die Archäologen werden weder die gesamte Fläche der heutigen Gedenkstätte untersuchen noch Nachbargrundstücke, auf denen im Laufe der vergangenen Jahre Knochen gefunden wurden. Archäologin Obladen-Kauder erklärt: "Die Totenruhe ist etwas Heiliges. Wir werden dort nicht initiativ tätig, machen da nichts auf eigene Faust. Aber: Wenn Anwohner zum Beispiel eine Garage bauen würden, würden wir den Eingriff archäologisch begleiten."

Quelle: RP
 
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