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Stadt Kempen
Königshütte: Naherholung in weiter Ferne

Stadt Kempen. Das Ergebnis ist unbefriedigend: Die Stadt hatte im September 2013 eine Studie für ein Naherholungsgebiet am ehemaligen Baggersee in Auftrag gegeben. Die Umsetzung wäre theoretisch zwar möglich, ist aber für die Stadt zu teuer. Von Andreas Reiners

Insider schütteln den Kopf und fragen sich: Warum hat die Stadtverwaltung überhaupt eine solch aufwendige Expertise in Auftrag gegeben? Hätte den Verantwortlichen im Rathaus nicht klar sein müssen, dass die Umsetzung des schönen Plans nur mit finanzieller Beteiligung der Eigentümer des weit läufigen Geländes möglich ist? Hat sich die Stadt vor Beginn der Auskiesung in den 1970er-Jahren gar von der Kiesfirma über den Tisch ziehen lassen? In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Planung und Klimaschutz stellte der Technische Beigeordnete der Stadt Kempen, Stephan Kahl, in dieser Woche die Ergebnisse der vom Bonner Fachbüro RMP in den vergangenen zweieinhalb Jahren erarbeiteten Machbarkeitsstudie für ein mögliches Naherholungsgebiet an der Königshütte vor.

Und Annette Gerardi vom Planungsbüro präsentierte in vielen bunten Bildern und Grafiken ein mögliches Szenario, bei dem den Wünschen von erholungssuchenden Bürgern, Wassersportlern und Naturschützern durchaus hätte Rechnung getragen werden können, ohne dass an der Königshütte eine zweite "Blaue Lagune", die in Kempen niemand für wünschenswert hält, entstanden wäre. Zu diesem Zeitpunkt war den beteiligten Politikern im Ausschuss und den Verantwortlichen im Rathaus längst klar, dass dieses traumhafte Konzept sobald nicht wird realisiert werden können. Es scheitert schlichtweg an der Finanzierung.

Die Stadt kann und will das Projekt, das Kempen ein durchaus attraktives neues Freizeit- und Naturschutzgebiet mit regionaler Ausstrahlung hätte bescheren können, finanziell nicht alleine stemmen. Das ist verständlich, denn von dem etwa 85 Hektar großen Seegelände befinden sich 91 Prozent der Flächen in Privatbesitz, die Stadt kann also nur über einen Bruchteil des Geländes verfügen. Die städtischen Parzellen - sie umfassen insgesamt knapp 9,2 Hektar - liegen auch noch verteilt über das ganzen Areal. Mit der in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie hat die Stadt in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren versucht, den Privateigentümern das Projekt schmackhaft zu machen. Doch dieser Plan schlug offensichtlich fehl. Auch wenn die Gespräche des Planungsbüros und der Stadt mit den privaten Eigentümern stets hinter verschlossenen Türen stattgefunden haben, so scheint angesichts der Verärgerung von Kempener Politikern klar zu sein, dass die Stadt bei ihrem Ansinnen bei den Eigentümern sinnbildlich auf Granit gebissen hat.

Man muss zum Hintergrund wissen, dass der größte Teil des Geländes, das über Jahrzehnte ausgekiest worden ist, der Eigentümerfamilie der Kiesabbaufirma Klösters gehört. Für Kempener Kommunalpolitiker ist unverständlich, dass die Stadt es bisher nicht geschafft hat, die Familie Klösters, die in Kempen beheimatet ist, für eine finanzielle Beteiligung an dem Vorhaben gewinnen zu können - gegebenenfalls mit Hinweis auf rechtliche Vereinbarungen.

Dezernent Kahl erklärte dazu im Fachausschuss, dass gäben die vor mehr als 40 Jahren abgeschlossenen Verträge zwischen Stadt und Auskiesungsfirma nicht her. Kahl sprach von einem "vertraglichen Mangel". Damals habe wohl niemand an die Zeit nach dem Ende der Auskiesung gedacht - erst recht nicht an eine Renaturierung.

Für die Renaturierung hat der Kiesgrubenbetreiber indes auch vertraglich aufkommen müssen. Zuletzt wurde die Auskiesungsfläche erweitert, dazu 1999 ein Rekultivierungsplan erstellt. Der wurde 2014 noch einmal aktualisiert. Beteiligt war seinerzeit auch die Untere Landschaftsbehörde beim Kreis Viersen. Die Renaturierung, die damals für die Erweiterungsfläche im heutigen Ostteil des Seengeländes vertraglich festgelegt worden ist, hat der Betreiber der Kiesgrube erfüllt. Das Gelände sollte "weitgehend naturbelassen" gestaltet werden. Die Firma Klösters ließ den großen Baggersee teilen, in dem sie einen Damm aufschüttete. Auch eine Insel im kleineren See wurde angelegt, die heute bereits als Nist- und Brutplatz für seltene Vogelarten dient.

Aus Sicht des Naturschutzes ist dieser Teil des Areals vorbildlich hergerichtet. Naturschützer des Nabu und Experten der Biologischen Station Krickenbecker Seen sind mit der Renaturierung durchaus zufrieden, schätzen das vom Publikumsverkehr gänzlich abgeschottet Seegelände sehr. Die Uferböschungen bieten Tieren wichtigen Lebensraum.

Auch der Segel- und Surfclub Kempen, der am westlichen Teil des Königshüttesees sein Vereinsgelände gepachtet hat und den See als Freizeit- und Sportstätte für seine mehr als 1200 Mitglieder nutzt, ist mit den Bedingungen sehr zufrieden. Auch Taucher sind hier aktiv.

Was Stadt und Privateigentümer indes von Jahr zu Jahr mehr stört, ist die Tatsache, dass vor allem in den heißen Sommerwochen viele Badegäste den See zum illegalen Schwimmvergnügen nutzen. In schöner Regelmäßigkeit zerstören ungebetene Gäste die Umzäunung, um auf das Gelände zu gelangen. Selbst Schilder, die darauf hinweisen, dass das Schwimmen in dem bis zu 28 Meter tiefen See nicht nur verboten, sondern vor allem lebensgefährlich ist, schrecken nicht ab.

Für die Stadt gilt in Sachen Naherholungsgebiet derzeit die Devise "Aufschoben ist nicht Aufgehoben". Endgültig zu den Akten legen möchte man das Projekt nicht. Im Rathaus hofft man auf einen Sinneswandel der Privateigentümer.

Quelle: RP
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