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Serie Vor 140 Jahren
Reichskanzler Bismarcks "Brotkorbgesetz"

Serie Vor 140 Jahren: Reichskanzler Bismarcks "Brotkorbgesetz"
"Zwischen Berlin und Rom" - karikaturistische Darstellung des Kulturkampfs als Schachspiel zwischen Bismarck und Papst Pius IX aus der Zeitschrift "Kladderadatsch" im Jahre 1875. FOTO: Kreisarchiv
Kreis Viersen. Mit zahlreichen Kulturkampfgesetzen versuchte Berlin, auch die niederrheinischen Katholiken zu disziplinieren. Von Prof. Dr. Leo Peters

KREIS VIERSEN Wenn in diesen Wochen allenthalben an Bismarcks 200. Geburtstag gedacht wird, dürfen die großen insbesondere außenpolitischen Erfolge und die deutsche Einigung von 1871 sowie die für die damalige Zeit ungewöhnlich fortschrittlichen Sozialgesetze die Schattenseiten seiner Regierung, die es eben auch gab, nicht vergessen machen. Für die überwiegend katholische Bevölkerung des Niederrheins ist dabei vor allem an den Kulturkampf zu denken. Er wurde zwar nicht mit "Blut und Eisen" geführt, aber mit einer Reihe von teils subtilen, teils recht rabiaten Gesetzes- und Administrationsmaßnahmen.

Kein Ereignis hat am Niederrhein so sehr zur langfristigen Politisierung der vorher politisch nur wenig aktiven katholischen Bevölkerungsmehrheit beigetragen. Ohne den Kulturkampf hätte es die danach reichsweit so einflussreiche, erst 60 Jahre später von den Nazis in die Knie gezwungene Zentrumspartei nicht gegeben.

Politisch-weltanschaulicher Hintergrund des Kulturkampfes war vor allem der gleichzeitige Anspruch von Staat und Kirche auf den Feldern von Schule und Bildung, Ehe und Familie, die Frage schließlich der Trennung von Kirche und Staat. Die Katholiken mussten aus preußischer Sicht schon deshalb per se im Verdacht fehlender Staatstreue stehen, weil ihre Loyalität zu Klerus, Bischöfen und Papst stärker war, als zur Regierung des protestantischen Preußen. Liberale und "Ultramontane" (als solche wurden die Katholiken bezeichnet) standen sich insbesondere seit dem Dogma von der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes unversöhnlich gegenüber. Dieser verlor im Zuge der italienischen Einigung seinen Kirchenstaat.

Im Raum Geldern-Kempen-Viersen kam es allenthalben zu Solidaritätsbekundungen für Pius IX. Es gab "Pius-Feiern", Papstadressen und Katholikenversammlungen. Am Niederrhein erwuchs dem wachsenden katholisch-politischen Selbstbewusstseins im Laufe der Zeit die kräftige Unterstützung aus den gräflichen Häusern von Loe (Schloss Wissen), von Hoensbroech (Schloss Haag) und von Schaesberg (Schloss Krickenbeck) zu.

Bismarcks eigentliche Kulturkampfgesetze lösten dann bald konkreten, aber zumeist passiven Widerstand aus. Der "Kanzelparagraf" verbot den Geistlichen "Angelegenheiten des Staates in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise" zu behandeln. Wegen "Missbrauchs der Kanzel" als "Geschäftsbüro" wurde der 72-jährige Breyeller Pfarrer Schumachers zu einer Haftstrafe verurteilt. Auch der Oedter Pfarrer geriet in Konflikt mit der Justiz. Das Jesuitengesetz verbot den Orden der Jesuiten und ihnen verwandte Gemeinschaften. Verschärfend wirkten die so genannten Mai-Gesetze von 1873/74, mit denen unter anderem ein geistliches Amt nur mit staatlicher Unterstützung übertragen werden konnte. Es folgten weitere, jeweils verschärfend wirkende und den Widerstand der Katholiken anheizende Gesetze.

Mit dem preußischen Sperr- oder Brotkorbgesetz vom 22. April 1875, vor genau 140 Jahren, schuf die Bismarck-Regierung einen neuen Höhepunkt in dem Bestreben, den katholischen Widerstand zu brechen. Staatliche Gehälter oder Gehaltszuschüsse an katholische Geistliche wurden gesperrt, wenn diese sich nicht schriftlich zur Anerkennung der Staatsgesetze verpflichteten. Kein Bischof und nur sehr wenige Priester gaben die geforderte Treueerklärung ab, was zu einer fast vollständigen Einstellung aller bisherigen staatlichen Leistungen führte. Nur bei den Pastören von St. Hubert und Kaldenkirchen waren die preußischen Behörden bei der Eintreibung der Loyalitätserklärung erfolgreich. Der ebenfalls sehr gewachsene Opfersinn der einfachen Katholiken führte zu zahlreichen Spenden, so dass die von der Regierung erhoffte wirtschaftliche Knebelung der Geistlichen de facto nicht eintrat.

Für unseren Raum sind diese Jahre bestens erforscht. 1995 hat Eleonore Föhles ihre materialreiche, gediegene, fast 600 Seiten starke Bonner Dissertation mit dem Titel "Kulturkampf und katholisches Milieu 1866-1890 in den niederrheinischen Kreisen Kempen und Geldern und der Stadt Viersen" veröffentlicht. Ausführlich hat sie auch die Auswirkungen der Schulgesetze des preußischen Kultusministers Falk auf die Schullandschaft dargestellt. Mitglieder geistlicher Orden wurden von jeglicher Lehrtätigkeit an öffentlichen Schulen ausgeschlossen. Dazu Eleonore Föhles: "Im Kreis Kempen betraf diese Verfügung elf Gemeinden mit insgesamt 32 Ordensleuten, im Kreis Geldern waren es acht Gemeinden mit insgesamt 23 Schulschwestern, in der Stadt Viersen neun Ordensfrauen. Die Bevölkerung reagierte mit Bitterkeit und Unverständnis auf die Verordnung, da die Schulschwestern sich großer Beliebtheit erfreuten. Seit Jahrzehnten hatten sie vornehmlich auf dem Felde des Mädchenschulwesens Hervorragendes geleistet und dies für ein so geringes Entgelt, dass mit der Einstellung weltlicher Lehrpersonen erhebliche Mehrbelastungen für die Kommunen verbunden waren."

Quelle: RP
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