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Serie Herausforderung E-Commerce (4)
Was ins Pflichtenheft für Einzelhändler gehört

Serie Herausforderung E-Commerce (4): Was ins Pflichtenheft für Einzelhändler gehört
"Der Lebensrhythmus hat sich geändert": Christoph Borgmann im RP-Gespräch zum Thema Herausforderung Internet. FOTO: T.L..
Kempen. Muss jeder Händler eine Online-Plattform haben? Nicht unbedingt, aber Digitalisierung beginnt schon viel früher: Wir sprachen mit Christoph Borgmann, Vorsitzender der Krefelder Werbegemeinschaft.

Sie sind dabei, einen Online-Auftritt für das neue Sneaker-Geschäft an der Königstraße einzurichten. Es gibt eine ganze Reihe von Dienstleistern, die dafür Hilfe anbieten. Wo holen Sie das nötige Know-how her, und wie findet man den Richtigen zur Unterstützung?

Borgmann In der Tat arbeiten wir seit einem halben Jahr an dem Projekt, und es gibt wirklich wahnsinnig viele Anbieter auf diesem Markt. Darunter sind viele junge Unternehmen, die noch keine Referenzen haben, auch deshalb, weil es noch nicht so viele mittlere Händler gibt, die online gegangen sind. So ist es nicht ganz einfach auszuwählen. Natürlich gibt es arrivierte Große, bei denen Sie schon fürs Händeschütteln einen Kredit aufnehmen müssen. Es gibt keinen Königsweg; da helfen nur Gespräche. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, ob die Chemie passt, ob das Gegenüber versteht, was ich will. Hilfreich sind natürlich Gespräche mit anderen Händlern über deren Erfahrungen.

Muss jetzt jeder Händler online gehen?

Borgmann So pauschal gilt das nicht. Das Thema Digitalisierung beginnt zudem viel früher und auch viel kleiner. Man muss nicht gleich einen kompletten Online-Shop einrichten. Es gibt immer noch Händler ohne Mail-Adresse, ohne Warenwirtschaftssystem, ohne Internetseite und ohne Facebook-Auftritt. Das ist ja auch schon Digitalisierung, und das muss meines Erachtens ins Pflichtenheft eines jeden Händlers. Intersport Borgmann könnte ohne Warenwirtschaftssystem nicht mehr existieren. Wareneingang und -ausgang, automatische Bestellvorschläge, minutengenaue Bestandsanalyse, Erkennen von Trends - dafür braucht man moderne Software, die auf das Geschäft abgestimmt ist.

Und ab wann wird das Thema Online-Shop wichtig?

Borgmann Das macht man natürlich nicht nebenbei, und da muss man genau überlegen, ob es sich rechnet und ob man es gestemmt bekommt. Die Kunden sind von den großen Anbietern Amazon und Zalando bestimmte Standards gewöhnt, hinter die man auch als Kleiner nicht zurückfallen darf.

Gibt es Hauptpunkte zu beachten?

Borgmann Man muss unbedingt die Kosten für die Retouren einkalkulieren, und die sind erheblich. Der Online-Umsatz ist ein relativ teurer Umsatz. Wegen der Retouren, aber auch weil man Geld in die Hand nehmen muss, um im Netz gefunden zu werden. Es ist eben teuer, wenn man zum Beispiel mit Google Adwords gefunden werden will.

Wie viel Zeit kostet es, sich in die Thematik einzuarbeiten?

Borgmann Es kostet Geld und auch viel Zeit, auch wenn man, wie wir, erst einmal mit einer überschaubaren Plattform beginnt. Wir wollen es gut und professionell machen, und wir wollen lernen. Zu den teuersten Investitionen gehört die Software, die meine Warenwirtschaft mit dem Online-Auftritt verzahnt und harmoniert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Internethandels? Ist Zalando eigentlich in der Gewinnzone oder wachsen die immer noch auf Pump?

Borgmann Das ist von außen schwer zu beurteilen. Ich glaube generell, dass es eine gewisse Marktbereinigung geben wird. Der Preiskampf im Internet ist so gnadenlos, dass es einige nicht schaffen werden Ich denke, es gibt da eine gewisse Blase, die platzen wird.

Heißt ja auch: 80 Prozent des Handels bleibt stationär. Muss der Handel sich ändern, um in dieser Doppel-Welt zu bestehen?

Borgmann Ich glaube, dass das Einkaufserlebnis immer wichtiger wird. Der Lebensrhythmus hat sich geändert. Der Samstag zum Beispiel ist für die Händler immer wichtiger geworden. Samstags geht man heute in die Stadt, teils mit der ganzen Familie. Und dann geht man vielleicht noch eine Pizza essen, danach ins Kino. Wenn längere Öffnungszeiten Sinn machen, dann auf jeden Fall am Samstag. Eine Innenstadt muss mit ihren Händlern, Gastronomen und Dienstleistern dieses Erlebnis bieten. Diese Herausforderung müssen wir annehmen.

Also muss man noch mehr Events in der Stadt organisieren?

Borgmann Das ist natürlich wichtig, aber nicht alles. Der Handel wird sich ändern. Die Spezialisierung auf das besondere Angebot, das man so nicht im Internet bekommt, wird zunehmen, und die Flächen werden kleiner werden. Ein prägnantes Beispiel: Sie werden nicht mehr nur das riesige Möbelhaus brauchen, sondern kleinere Häuser, die auf Beratung, Service, digitale Kataloge und vor allem die richtige Zielkundenansprache setzen. Sie brauchen heute nicht unbedingt gefühlt 500 Betten zeigen, wenn jemand ein Bett kaufen will.

Sie haben mal gesagt, dass Sie mit Ihren Kunden über deren Internetwissen ins Gespräch kommen wollen. Bleiben Sie dabei?.

Borgmann Ich bleibe unbedingt dabei. Das Schreckgespenst vom Beratungsdiebstahl gibt es so einfach nicht. Die Leute sind vorinformiert, und genau da möchte ich mit ihnen ins Gespräch kommen. Nur so haben Sie eine Chance, sie für ihre Kompetenz und ihr Produkt zu gewinnen. Mein Eindruck ist: Der stationäre Handel profitiert davon auch. Wer sich informiert, will Kompetenz, und die sitzt zum Glück noch sehr oft im stationären Handel. Und das honorieren Kunden bei ihrer Kaufentscheidung.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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