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Stadt Kempen
Wenn das seelische Gleichgewicht fehlt

Stadt Kempen: Wenn das seelische Gleichgewicht fehlt
Mitarbeiter und Leiter von Impuls stellen das Buch "Mutmacher" kürzlich in der Mediothek in Krefeld vor. Autorin Mirjam Lübke ist die Dritte von rechts. In der Mediothek findet am Donnerstag auch die Lesung statt. FOTO: Lammertz
Stadt Kempen. "Mutmacher" heißt es, das Buch, das Menschen mit und ohne psychische Erkrankung geschrieben haben. Es richtet sich an Betroffene, Interessierte und Angehörige und will aufräumen, mit Vorurteilen und Stigmatisierung. Von Stephanie Wickerath

Jolanta Zak war 19 Jahre alt, als sie an einer schizoaffektiven Psychose erkrankte. Christian Matschkowski war 24, als er im Wahn, ausgelöst durch Drogenkonsum, einen Mann verletzte. Mirjam Lübke war 40, als bei ihr eine bipolare Störung festgestellt wurde. Gemeinsam mit fünf weiteren psychisch Erkrankten stellen sie sich und ihre Geschichte in dem Buch "Mutmacher" vor. "Wir wollen Offenheit schaffen für psychische Erkrankungen, Vorurteile abbauen und natürlich anderen Mut machen", erklärt Autorin Lübke.

Gemeinsam ist den Autoren nicht nur ihre psychische Beeinträchtigung, sondern auch die Tatsache, dass sie bei den Kempener Impuls-Werkstätten, einer Tochter des Heilpädagogischen Zentrums Krefeld Kreis Viersen (HPZ), arbeiten. Dort entstand, anlässlich des 25-jährigen Bestehens, gemeinsam mit der Pressesprecherin von HPZ/ Impuls, Ulrike Brinkmann, die Idee, ein Buch über die Arbeit zur beruflichen Rehabilitation in den Werkstätten und über die Erkrankungen der Menschen, die dort tätig sind, herauszugeben. "Ein Hauptanliegen war zu zeigen, dass psychische Erkrankungen Phänomene sind, die über alle sozialen Grenzen, unabhängig vom Bildungsstand jeden treffen können", sagt Ulrike Brinkmann.

Die Stärke des Buches ist seine Vielseitigkeit. Betroffene berichten offen und ehrlich von ihrer Krankheit, dem Umgang damit, den Vorurteilen, den sie begegnen und ihren Wünschen. Aber auch die Leiter der Abteilungen kommen zu Wort, der Umgang der Medien mit dem Thema psychische Erkrankung wird aufgegriffen und Mirjam Lübke, studierte Historikerin und Autorin des Science Fiction Buchs "Die Indira Verschwörung", hat in einem Kapitel Verhaltensweisen geschildert, die vielen Lesern bekannt vorkommen dürften. "Ich habe bei der Beschreibung der verschiedenen Krankheitsbilder bewusst auf bekannte Symptome zurückgegriffen, um psychische Erkrankungen zu entmystifizieren", sagt die 48-Jährige.

So geht es zum Beispiel um Panik in geschlossenen Räumen, vor einer Prüfung oder in großer Höhe. "Bei manchen Menschen schränkt die Angst den Alltag sehr stark ein", schreibt Lübke. Körperliche Symptome wie Schweißausbrüche, Gummiknie und Herzrasen treten auf, der Mensch sei wie gelähmt. Die Diagnose: Angststörung. Auch Stimmungsschwankungen kennen die meisten Menschen, aber erst in der extremsten Form liegt eine bipolare Erkrankung vor. Ähnlich ist es mit einer Depression: Jeder Mensch hat Tage, an denen er nicht so viel Energie hat, sich erschöpft fühlt, das Glas halbleer und nicht halbvoll sieht. "Eine Depression ist auch so, nur viel machtvoller", erklärt Lübke, "ein Tief, dass scheinbar aus dem Nichts auf die Seele übergreift."

Auf das Buch, dessen erste Auflage mit 350 Exemplaren bereits vergriffen ist, haben die Beteiligten bisher viel positives Feedback bekommen. "Dass die Lebenswelt von Erkranken vermittelt wird und man einen Einblick ins Innere bekommt, ist gut angekommen", sagt Sozialpädagoge Thomas Laenen, Werkstattleiter Rehabilitation bei Impuls. Generell sei die Gesellschaft offener für die Thematik geworden, sagt Reha-Abteilungsleiterin Pia Franik, Vorurteile gebe es aber immer noch. "Wenn ich erzähle, dass ich mit psychisch Kranken arbeite, werde ich oft gefragt, ob das nicht gefährlich sei." Bleibt zu hoffen, dass das Buch dazu beiträgt, solche Vorurteile abzubauen und Verständnis aufzubringen für Menschen, deren Seele aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Quelle: RP
 
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