| 00.00 Uhr

Thomas Kuhlmann
"Sucht kann jede Berufsgruppe treffen"

Thomas Kuhlmann: "Sucht kann jede Berufsgruppe treffen"
Die Kerngebäude des Therapiezentrums Haus Dondert in Kevelaer. FOTO: Gottfried Evers
Kevelaer. Thomas Kuhlmann ist der neue Leiter von Haus Dondert. Er war 22 Jahre beim Sozialwerk St. Georg. Der Neue richtet einen ersten Blick auf die Klienten, die in der Kevelaerer Einrichtung Hilfe suchen und auf die Suchtgefahren.

Wie ist Ihr erster Eindruck?

Thomas Kuhlmann Das Haus Dondert hat eine lange Tradition und ist überregional bekannt für die hohe Qualität der Leistungen, die hier erbracht werden. Mit dem Haus Dondert sind wir seit 38 Jahren vor Ort und im Quartier, im Sozialraum, gut integriert. Weil wir uns um Suchtkranke kümmern, die alkohol- oder medikamentenabhängig sind, werden wir von der Bevölkerung auch liebevoll Trocken-Dock genannt.

Wer kommt denn zu Ihnen?

Kuhlmann 90 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind alkoholabhängig, weitere sind medikamentenabhängig. Nicht selten geht es bei unserer Zielgruppe um Leben oder Tod. Unsere Angebote erreichen Menschen, die chronische Suchterkrankungen und in der Folge weitere körperliche, psychische und soziale Beeinträchtigungen haben. Meist sind die Menschen längerfristig auf Unterstützung in ihrer allgemeinen Lebensführung angewiesen. Die Menschen, die wir aufnehmen, sind schon viele Jahre abhängig. Nicht wenige haben bereits mehrere Entwöhnungsbehandlungen und eine Vielzahl von Akutbehandlungen ("Entgiftungen") in Krankenhäusern hinter sich.

Auf den Fluren habe ich mehr Männer gesehen als Frauen.

Kuhlmann Das Verhältnis ist tatsächlich 80 Männer zu 20 Frauen. Die Frauen werden oft viel länger in ihrem persönlichen Umfeld, in ihren Familien geschützt, und finden später den Weg in unterstützende Angebote.

Wie alt sind die Menschen in der Regel, wenn sie bei Ihnen Hilfe suchen?

Kuhlmann Es gibt da keine Regel, aber wenn man es salopp ausdrücken möchte, dann sind unsere Klienten meistens Mitte, Ende 40, möglicherweise verheiratet, oft geschieden, die Kinder sind meist in der Pubertät oder schon erwachsen und es besteht zu ihnen kein oder nur ein brüchiger Kontakt. Sie waren meist langjährig erwerbstätig und stammen aus allen Teilen der Gesellschaft. Das Niveau der Ausbildung macht da keinen Unterschied. Keine Berufsgruppe schließt die Gefahr vor Alkoholismus aus.

Welche Angebote bietet Haus Dondert langjährigen Suchterkrankten?

Kuhlmann Wir haben einmal das stationäre Angebot, das 100 Klienten nutzen. In Ergänzung unseres Angebots in der Kerneinrichtung Haus Dondert bieten wir drei Außenwohngruppen. 68 Menschen nehmen das ambulante Angebot des betreuten Wohnens wahr. Hier bieten wir Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Erkrankungen Hilfe bei der Bewältigung des Alltags im eigenen Wohnumfeld. Auf der Amsterdamer Straße sind ebenso unsere tagestrukturierende Angebote in der Tagesstätte Zur Krone zu finden. Als ein neues unser Angebotsspektrum ergänzendes Angebot haben wir unter dem Titel "Unterstützung daheim und unterwegs" Angebote für Menschen der Zielgruppe erarbeitet, die altersbedingt, oder aufgrund von Demenz, Unterstützung im Alltag erhalten. In Erweiterung der "Krone" haben wir ein Ladenlokal in direkter Nachbarschaft anmieten können.

Was passiert da in der "Krone"?

Kuhlmann Dort gibt es unter dem Titel " ... dem Tag einen Sinn geben" vielfältige Tagesstrukturangebote, von Gesprächs- und Kreativangeboten über den Mittagstisch bis hin zu Freizeitangeboten. Dem Tag einen haltenden Rahmen zu geben, hilft den Menschen auch ihre Abstinenz zu erarbeiten, zu halten und langfristig zu sichern.

Woher kommen die Menschen, sind sie aus Kevelaer und Umgebung oder ist es eher von Vorteil, wenn die Menschen von weiter weg kommen?

Kuhlmann Bereits seit den späten 1970er Jahren mit der Psychiatrie-Enquete bis hin zu den aktuellen Entwicklungen im Rahmen des Bundesteilhabegesetz gibt es die Vorstellung, dass die Probleme da zu lösen sind, wo sie entstehen, also in Wohnortnähe. Das ist bei Suchtkranken natürlich unterschiedlich hilfreich. Unsere Klienten kommen etwa auch aus Celle, dem Bergischen Land, oder dem Ruhrgebiet, die Mehrzahl kommt aber tatsächlich aus dem Kreis Kleve.

Wie lange bleiben die Menschen bei Ihnen?

Kuhlmann Das ist ganz unterschiedlich, das kann von einem Jahr bis zum Lebensende sein. Viele gehen vom stationären Wohnen auch erst den Schritt in eine ambulante Betreuung.

Wann ist es denn Zeit, um sich Hilfe zu holen? Wann ist die Grenze zur Abhängigkeit überschritten?

Kuhlmann Je nachdem, ob man einen Arzt, Psychologen oder Soziologen fragt, wird die Antwort unterschiedlich ausfallen, weil die Disziplinen je auf unterschiedliche Dinge achten. Vom Grundsatz ist Alkoholabhängigkeit gekennzeichnet durch den starken Wunsch, den Zwang zu trinken, durch häufiges, meist unkontrolliertes Trinken, durch gesundheitliche und soziale Probleme aufgrund des Trinkens, durch eine oft schleichende Erhöhung der Trinkmenge, um die gleiche Wirkungen zu erzielen, durch den Versuch, das Trinkverhalten zu verbergen, und durch Entzugserscheinungen, durch Alkoholismus-bedingte Gesundheitsschäden. Für die, die in unsere Angebote finden, kommen der langjährige chronische Verlauf, viele Erfahrungen des Scheiterns in den Bemühungen, abstinent zu Leben, körperliche, psychische und soziale Folgeerkrankungen, sowie der Umstand hinzu, dass sie aktuell nicht in der Lage sind, alleine und ohne Unterstützung in einer eigenen Wohnung zu leben.

DIE FRAGEN STELLTE BIANCA MOKWA.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Thomas Kuhlmann: "Sucht kann jede Berufsgruppe treffen"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.