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Kleverland
Abschied von der Rosskastanie

Kleverland: Abschied von der Rosskastanie
Klaus Terhorst (53), Baumkontrolleur beim Landesbetrieb Straßenbau, mit einem Haufen Laub an der Grunewaldstraße. Die Blätter vertrocknen und fallen ab, die Photosynthese bleibt aus, sagt er. FOTO: Evers Gottfried
Kleverland. An der Grunewaldstraße stehen etwa 15 Bäume ohne Blätter. Es sind Rosskastanien, die von einem Schädling befallen sind. Noch gefährlicher ist ein Bakterium für die Pflanze, das sich derzeit verstärkt ausbreitet und den Tod bringt. Von Peter Janssen

Es sieht aus wie Herbst im Sommer: Entlang der Grunewaldstraße stehen etwa 15 Rosskastanien ohne Blätter. Wer aus Kleve kommend Richtung Grenze fährt, sieht die kahlen Bäume hinter dem Ehrenfriedhof auf der rechten Seite direkt neben dem Radweg. Schuld an dem Zustand ist die Miniermotte.

Klaus Terhorst (53) ist Baumkontrolleur beim Landesbetrieb Straßenbau. Er steht an einem der Bäume ohne Laub und begutachtet ihn. Sein Urteil ist eindeutig. "Die Miniermotte hat ihre Larven an den Blättern abgelegt. Diese fressen sich in das Innere. Dabei werden die Leitungsbahnen der Blätter geschädigt, wodurch die Zufuhr von Wasser- und Nährstoffen gekappt wird." Die Konsequenz ist: Die Blätter vertrocknen und fallen ab, die Photosynthese bleibt aus.

Während die meisten Bäume, Wiesen und Hecken saftiges Grün tragen, geht dieser Kastanie in Frasselt die Puste aus. Der Befall durch die Miniermotte lässt die Blätter braun werden und abfallen. FOTO: G. Evers

Der Schädling ist seit Jahren am Niederrhein bekannt und derzeit besonders aktiv. Doch werden die Bäume an der Grunewaldstraße dadurch nicht sofort eingehen. Falls die Moniermotte jedoch regelmäßig die Versorgung der Pflanze lahmlegt, wird diese immer schwächer. Eine Gefahr ist dann, dass der Baum vor dem Winter alle Kräfte mobilisiert, um noch einmal auszutreiben. Dann entzieht er sich für die kalte Jahreszeit gespeicherte Reserven. Durch diese Reaktion stirbt der Baum wesentlich schneller ab als durch die Motte. Terhorst empfiehlt allen Besitzern von Rosskastanien, das Laub zusammenzuharken und zu entsorgen. Denn dort nistet sich die Motte ein. Dadurch werde die Gefahr geringer, dass der Schädling auch im nächsten Jahr den Baum angreift.

Doch hat die Rosskastanie mehr als nur einen Feind. Ein gefräßiges Bakterium mit dem wenig geläufigen Namen "Pseudomonas syringae pavia aesculi" setzt der Baumgattung wesentlich extremer zu. Der Erreger gelangt über die Rinde ins Gewebe. Leitungsbahnen werden verstopft. Ein eben noch blühender Baum verfault von innen. Ist er einmal befallen, gibt es bislang kein Mittel zur Rettung.

Baumexperte Terhorst erklärt dazu: "Dringt das Bakterium ein, ist nichts mehr zu retten." Zwar fällt die Rosskastanie nicht sofort um, doch muss diese regelmäßig kontrolliert werden. Die Bruchgefahr ist hoch und damit, je nach Standort, die Verkehrssicherheit gefährdet.

Auch in Kleve müssen Rosskastanien regelmäßig abgeholzt werden. So etwa auf dem Friedhof an der Merowingerstraße. Entlang des Weges vom "Kreuz des Ostens" Richtung Welbershöhe waren noch im vergangenen Jahr Fällungen notwendig.

Gartenmeister Hans Heinz Hübers betont, dass die Stadt ständig Zustandskontrollen durchführe. Auch in diesem Jahr schädigt die Miniermotte Kastanien auf dem Friedhof. "In Keeken, hinter dem Ehrenmal, mussten wir eine ganze Gruppe fällen. Dort sind jedoch bereits neue von einer anderen Sorte gepflanzt worden", sagt Hübers. Und als hätte die Kastanie nicht schon genug zu leiden, trägt auch das in diesem Jahr ungünstige Klima zu einem größeren Befall bei. Forstwirtschaftlich spielt das Kastaniensterben eine untergeordnete Rolle. Die Rosskastanie, vor etwa 300 Jahren nach Westeuropa gelangt, ist vorrangig ein Park- und Alleebaum. Doch gibt es eine Vorgabe seitens des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, diese Baumart nicht mehr anzupflanzen. Für Revierförster Joachim Böhmer nur konsequent: "Es ist offensichtlich, dass der Baum gegen die Krankheitserreger keine Abwehrkräfte besitzt." Auch durch die Entscheidung des Landesbetriebs wird die Population weiter zurückgehen. In einigen deutschen Großstätten, wie etwa Berlin, wird der Baum auch nicht mehr gepflanzt. In Krefeld mussten bereits knapp 400 erkrankte Exemplare gefällt werden. In der Grenzgemeinde Kranenburg gibt es mehrere Rosskastanien, die das tödliche Schadbild aufweisen. Das Bakterium sorgt auch hier für das typische Krankheitsbild. Aufgeplatzte Stellen an der Rinde, wodurch der Schutz verloren geht. In Zyfflich steht eine Gruppe dieser Baumart am Kastanienplatz/Zum Wyler Meer. Mehrere weisen die Symptome des tödlichen Erregers auf. Den Kampf gegen die Miniermotte scheint die Gemeinde hier zu gewinnen, da regelmäßig das Laub entsorgt wird.

Ein besonders imposantes Exemplar steht in Frasselt neben der traditionsreichen Gaststätte Miethe "On de Kerk". Einst konnten hier zwei Kastanien von beachtlichem Ausmaß bestaunt werden. Vor zwei Jahren musste eine weichen. Die Gefahr war zu groß, dass Teile des im Inneren zersetzten Baums abbrechen. Dass die Miniermotte an dem verbliebenen ganze Arbeit leistet, ist deutlich zu erkennen. Die Blätter sind braun gefärbt, reichlich Laub liegt bereits neben dem Gasthaus. Zusätzlich trägt er noch das tödliche Bakterium in sich, so dass er in absehbarer Zeit den Weg alles Irdischen gehen wird. Es wird nicht bei dem Baum vor dem Gasthof bleiben, denn der Abschied von der Rosskastanie hat längst begonnen.

Quelle: RP
 
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