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Zum Sonntag
Darf's ein bisschen mehr sein?

Zum Sonntag: Darf's ein bisschen mehr sein?
FOTO: van Offern, Markus (mvo)
Kleve. Pfarrer Stefan Notz beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Fastenzeit.

Darf`s ein bisschen mehr sein? Das fragte früher oft der Metzger oder die Verkäuferin an der Käsetheke. Inzwischen ist es aber auch schon zum geflügelten Wort und ironischen Inbegriff unserer Konsum- und Wirtschaftswelt geworden. Es soll je immer ein bisschen mehr, ein bisschen besser, ein bisschen schneller oder weiter sein. Und eigentlich nicht nur ein Bisschen, sondern ein richtiger Bissen. Und die ganze Zweischneidigkeit dieses Slogans ist uns inzwischen bewusst, weil wir es am eigenen Leibe spüren.

Die Fastenzeit fragt ihrerseits ebenfalls nach dem Mehr. Paradoxerweise dadurch, dass sie nach dem Weniger fragt. Weniger konsumieren, fasten und solidarisch leben. Im physischen Sinn besteht das Mehr des Fastens in einem guten Körpergefühl. Das gilt auch für das geistliche Leben.

Jede Beziehung, jede Freundschaft kann nur bleiben, wenn sie wächst. Wenn sie nicht wächst, wenn sie sich nicht vertieft, wenn sie nicht umfassender wird, dann geht sie zurück. Dann lässt sie nach. Das gilt auch für die Beziehung zu Gott. Da gibt es entweder eine Weiterentwicklung oder eben einen Rückschritt. Einen bloßen Stillstand gibt es nicht. Es ist entweder ein Vertiefen oder ein Verflachen. Natürlich gehören auch Krisen dazu und Zeiten wo alles auf der Stelle tritt. Und gerade diese Zeiten der Unentschiedenheit, diese Zeit der Wegkreuzung ist schwer zu ertragen. Entscheidungen wollen durchdacht und vorbereitet werden und schließlich will auch das Abschiednehmen von Möglichkeiten betrauert werden. So lange das aber nicht passiert ist, geht es nicht weiter. Es gibt es kein Mehr. Aber wenn dann der Knoten geplatzt ist, durchgeschlagen oder friedlich gelöst ist, dann geht es eben besser, befreiter und entschiedener weiter.

Wenn die Entscheidungen gefallen sind, dann kann Friede einkehren, Dankbarkeit und Heiterkeit. Leichtigkeit im Guten und Leichtigkeit im Finden Gottes. Und dann ist es in meiner Beziehung zu Gott wie bei einem alten Ehepaar, dass sich versteht ohne viele Worte. Da ist Tiefe und Verstehen, viel mehr als am leidenschaftlichen Anfang. Weil die Liebe nur bleibt, wenn sie wächst.

In diesem Sinne darf es immer ein bisschen mehr sein. In diesem Sinne gehe ich erwartungsvoll durch die Wochen der Fastenzeit. Am Ende, so hoffe ich, finde ich tatsächlich mehr Freiheit und mehr Sinn.

PFARRER STEFAN NOTZ ST. WILLIBRORD KLEVE

Quelle: RP
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