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Kranenburg-Niel
Das Fenster vom Hof

Kranenburg-Niel. Auf dem Land droht der Ausverkauf. Die Bevölkerung schrumpft. Häuser, teilweise von historischem Wert, zerfallen. Nicht abzuschätzende Kosten für eine Instandsetzung der geschichtsträchtigen Gebäude schrecken ab. Die Kranenburgerin Marianne Vos hat es dennoch gewagt. Sie ging den Weg zurück von der Großstadt in die Idylle. Lange Zeit in Berlin zu Hause, renoviert sie in Niel ein bäuerliches Gut aus dem Jahr 1870. Von Peter Janssen (Text) und Gottfried Evers (Fotos)

Der Weg zieht sich. Man wird den Eindruck nicht los, als könne jetzt nicht mehr viel kommen. Es ist jenseits von Niel. Eine Gegend, in der nicht mehr erkennbar ist, in welchem Land man sich befindet. An einer Straße, die in erster Linie Felder zerschneidet, ist am Horizont ein Gemäuer erkennbar. Es ist der Kreuzweghof. Er trägt seinen Namen, weil er an einer Pilgerstrecke liegt. Im 13. Jahrhundert sollen hier die ersten Gläubigen vorbeigezogen sein.

Das Anwesen sieht auf den ersten Blick so aus wie etliche Höfe am Niederrhein, die sich selbst überlassen werden. Doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn die andere Hälfte des Hauses hält Überraschendes bereit. Auf der Rückseite präsentiert es sich völlig anders. Beim Betrachten wird an jeder Ecke deutlich, dass der Kreuzweghof reich an Geschichte ist und diese auch nie enden soll.

Die Eingangstür ist alt, schwer und in blendender Verfassung. Daneben hängt eine Kette. Wer hinein will, muss an ihr ziehen. Ein Glocke ertönt, die jeden Wohnraum durchdringt. Das Gemäuer ist deutlich sichtbar renoviert, ohne dass es den Charme vergangener Tage verloren hätte. Dabei schien der Untergang auch dieses bäuerlichen Guts aus dem Jahr 1870 besiegelt. Die letzten Pächter hatten es heruntergewirtschaftet. In kleinen Schritten kehrt der verblichene Glanz jetzt zurück.

Marianne Vos (58) gehört das Haus. Zusammen mit ihrer Freundin Anna Permantier (48) sitzt sie davor - unter einem mächtigen Walnussbaum, der reichlich Schatten spendet und mehr als 100 Jahre alt ist. Sie trinken Kaffee. Auf dem Tisch stehen Bio-Produkte wie Honig und Milch, selbst gebackene Kekse. Von der erhöhten Veranda aus können die Beiden in die endlos wirkende Landschaft schauen. Die 58-Jährige blickt auf ihr Haus und sagt: "Das ist mein Lebensprojekt."

Marianne Vos kommt aus Kranenburg. Sie hat etliche Jahre in Berlin verbracht und lebt jetzt auf dem elterlichen Hof. Ihre Mutter ist der Meinung, dass Kinder erben sollten, bevor Eltern den Weg alles Irdischen gehen. Per Münzwurf wurde geklärt, wie das Erbe zwischen Marianne Vos und ihrer Schwester aufgeteilt werden soll. Das Anwesen ging an die Schwester. "Wir haben unser Erbe getauscht. Ich wollte den Kreuzweghof wieder zum Leben erwecken und hier meinen Traum von Gemeinschaft zu verwirklichen", erklärt Vos.

2005 hatte sie damit begonnen, den unter Denkmalschutz stehenden Gutshof zu sanieren. In dieser Zeit ist es ihr gelungen, dem dahinsiechendem Gebäude wieder Leben einzuhauchen. Während die gelernte Tischlerin die ersten Räume von Gerümpel befreite, wohnte sie in einem Bauwagen. Als das erste Zimmer fertig war, zog sie ein und renovierte von dort aus einen Raum nach dem anderen. 360 Quadratmeter beträgt die Wohnfläche. Auch einen Keller gibt es. Hinzu kommen die 300 Quadratmeter Grundfläche der Scheune.

Beim Betreten des Hauses spürt man, dass es eine Geschichte hat. Die Fliesen im Flur sind klein und original. Nicht nur die schwere Treppe mit dem gedrechselten Rüster zeugt vom Wohlstand vergangener Tage. Es ist auch die Macht der Mauern, die den Besucher fasziniert. Deckenhöhen die eher an Turnhallen erinnern, denn an Wohn- oder Esszimmer. Das Fischgrätparkett wurde nach alten Vorlagen erneuert.

Bei dem Gang durch die zwei Obergeschosse betont Marianne Vos, worauf es ihr bei der Renovierung ankommt. "Wir wollten so viel wie möglich von dem Charakter des Hauses erhalten. Die Böden sind zwar etwas schief - aber dadurch hat es etwas lebendiges." Es ist äußerst lebendig, denn mit einer Wasserwaage darf man nicht durch die Zimmer laufen. Vos sträubt sich gegen das Glatte und Sterile. Dennoch ist an einigen Stellen die Gegenwart unverkennbar, gegen die sich auch ein Haus aus dem 19. Jahrhundert nicht wehren kann. So begegnet man auf den Fluren blütenweiße Stahltüren. Der Brandschutz fordert Opfer.

Marianne Vos geht es jedoch nicht allein darum, das Gebäude wieder herzurichten. Sie ist dabei, es auch mit Leben zu füllen. So stehen in dem großen Salon etliche verschiedene Stühle entlang der Wände, was den Eindruck vermittelt als seien sie hastig auf einem Trödelmarkt zusammengekauft worden. Kaum einer passt zu seinem Nachbarn. Hier finden kleine Konzerte statt. Anna Permantier nutzt den Saal für Kurse. Die gelernte Heilpraktikerin bietet hier Seminare an. So lautet der Titel einer der Veranstaltungen: "Der Weg in den Winter - eine Einladung zum Rückzug in die Tiefe der Seele".

Wesentlich irdischere Angebote für Ruhe und Rückzug warten in den oberen Etagen. Hier hat Marianne Vos Fremdenzimmer eingerichtet. Mit Bad und einem Ausblick, der allein die 30 Euro pro Übernachtung wert ist. Einige Zimmer sind mit himbeerfarbenen Teppich ausgelegt. An einer Wand steht ein zwei Meter hohes Beuys-Plakate, Drucke von Richard Long hängen in den Zimmern.

Auffallend häufig benutzt Marianne Vos, wenn sie über ihr Zuhause spricht, das Wort "Lebensphilosophie". "Der Geist des Kreuzweghofs muss erhalten bleiben", sagt die Besitzerin. Allein den Verputzer durch die Räume zu jagen reiche nicht.

Doch um dem historischen Gebäude wieder eine Seele zu geben, sind auch profane Mittel notwendig. So bietet die 58-Jährige nicht allein Gästezimmer an. Erst vor einigen Wochen wurde hier ein 50. Geburtstag gefeiert. Wer einen Veranstaltungsort sucht, der sich von schmucklosen Seminarräumen oder Schützenhauscharme mit Bierzeltgarnituren absetzt, dem wird hier geholfen.

Die Einnahmen tragen dazu bei, dass sich der Kreuzweghof weiter entwickeln kann. Auch im Flur gibt es Angebote, die beim Wiederaufbau helfen. Auf einer Wandtafel steht geschrieben, dass Besucher durch den Kauf von Waren, das Projekt gern unterstützen dürfen. Auf dem Tisch darunter stehen selbst gemachte Marmelade und Säfte der Saison. "Ich freue mich über jede Hilfe", sagt die Hausbesitzerin, während sie unter dem Walnussbaum sitzt und sich eine weitere Tasse Kaffee einschüttet. Denn wenn sie etwas hat, dann ist es Zeit. Zeit für Dinge, die ihr wichtig sind. Die hat sie sich dafür schon immer genommen und wird es auch in der Zukunft tun. Das ist eben auch ein Stück ihrer Philosophie.

Quelle: RP
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