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Totschlags-Prozess in Köln
„Auch der Angeklagte hat einen Bruder verloren“

Totschlags-Prozess in Köln: „Auch der Angeklagte hat einen Bruder verloren“
Der Angeklagte mit seinem Verteidiger Bernhard Scholz. FOTO: Hauser
Köln. Ein 35-Jähriger hat im vergangenen Herbst in Köln seinen Bruder getötet – nun ist vor dem Kölner Landgericht das Urteil gefallen. Die Tat stand am Ende einer Geschwister-Beziehung, die schon seit vielen Jahren zerrüttet war.  Von Claudia Hauser, Köln

Am Tag der Urteilsverkündung sitzt Luis K. (Name geändert) reglos da und blickt vor sich auf den Tisch. Seine Schwestern sind nicht gekommen. Als der Staatsanwalt in der vergangenen Woche plädierte, saß die älteste Schwester des Angeklagten ihm gegenüber, die Jüngste im Zuschauerraum, Luis K. konnte seine Tränen nicht zurück halten. Nun verkündet der Vorsitzende Richter die Entscheidung der 5. Großen Strafkammer: Luis K. wird wegen Totschlags zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte siebeneinhalb Jahre gefordert.

Um zu verstehen, wie es zu der Tat im vergangenen November kommen konnte, hat die Kammer vor allem die Familiengeschichte des Angeklagten in den Blick genommen. Luis K. und seine drei Geschwister wurden von ihren Eltern, die viele Jahre ein gut laufendes China-Restaurant in Köln geführt hatten, meistens sich selbst überlassen. Sie hatten zu funktionieren. Taten sie das nicht, gab es Schläge. Geld war genug da, aber wenig Liebe. Luis K. war besonders sensibel. Er litt unter Prüfungsangst, in der Pubertät schluckte er Tabletten, weil er sich umbringen wollte. Ein paar Jahre später rettete ihn ausgerechnet sein jüngerer Bruder, als er sich nach dem Ende einer Beziehung  bei einem zweiten Suizid-Versuch im Bad erhängen wollte. 13 Jahre später erwürgte Luis K. den drei Jahre jüngeren Bruder in diesem Badezimmer.

Außenseiter der Familie

"Luis K. fühlte sich immer als Außenseiter, nicht geliebt", sagt der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Vom Vater ignoriert, weil er den Sohn für einen Versager hielt, von den Geschwistern ausgeschlossen, wenn sie feiern gingen. Mit 21 wurde Luis K. selbst Vater. Nur ein Jahr später kam es zur Trennung von der Mutter seines Sohnes. Er hatte immer wieder Schluss gemacht, vor Gericht hatte sie gesagt, dass er immer das Gefühl hatte, sie würde ihn nicht genug lieben. Beruflich scheiterte Luis K. an seinen Ängsten ­– verschiedene Studiengänge und eine Ausbildung zum Informatiker brach er immer kurz vor den finalen Prüfungen ab.

Das Verhältnis zu seinem Bruder fasste eine psychiatrische Gutachterin als "feindselig" zusammen. Der über viele Jahre verhärtete Konflikt, der von allen Familienmitgliedern hauptsächlich stumm ausgetragen wurde, eskalierte in der Eigentumswohnung der Eltern in Köln-Niehl, die inzwischen wieder in Hongkong lebten. In der Nacht des 13. November 2016 tauchte der jüngere Bruder dort auf. Luis K. lebte allein dort, seit die Geschwister in die Schweiz gezogen waren. Fünf Jahre hatten sie kaum noch ein Wort miteinander gewechselt, nun kam es zum offenen Streit. Zeugen dafür gibt es nicht.

Streit über Briefe

Luis K. hatte dem Gericht gesagt, es sei um Post an die Eltern gegangen, die der jüngere Bruder sichten wollte. Die Briefe lagen in einer Kiste, der Bruder sei fälschlicherweise davon ausgegangen, Luis K. habe sie ungeöffnet wegwerfen wollen. "Du bist nur Müll, du kannst dich direkt mit entsorgen. Wer würde denn schon um dich trauern", soll der Bruder gesagt haben, kalt und völlig emotionslos. Wie nahe ihm das gegangen sei, könne er nicht beschreiben. Er habe den jüngeren Bruder geschubst und sei erst dann wieder zur Besinnung gekommen, als seine Hände um dessen Hals lagen. Da war es schon zu spät, er hatte seinen Bruder erwürgt. Viel Kraft muss der zierliche Mann dafür aufgebracht haben ­– darauf wies der Staatsanwalt in seinem Plädoyer hin.

Die Kammer stuft den Totschlag als minderschweren Fall ein, unter anderem deshalb, weil Luis K. in einem "hoch affektiven Erregungszustand" war, aber auch, weil er das frühstmögliche Geständnis abgelegt hat: Er selbst wählte nach der Tat die Nummer der Polizei und sagte, er habe seinen Bruder getötet. Dass er unter der Tat sehr leidet, hat er im Gespräch mit der Psychiaterin deutlich gemacht. Seine Schwestern waren enttäuscht, weil er vor Gericht keine Entschuldigung hervor brachte. "Die Auswirkungen dieser Tat auf die ganze Familie ist uns bewusst", sagt der Vorsitzende. "Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass auch der Angeklagte einen Bruder verloren hat."

Verteidiger Bernhard Scholz hatte eine Aufhebung des Haftbefehls beantragt, doch das Gericht lehnte ab. Da Luis K. weder zu seinem mittlerweile 15 Jahre alten Sohn, noch zu seiner Familie Kontakt und auch keine Freunde hat, besteht die Gefahr, dass er während eines offenen Vollzugs ins Ausland flüchtet.

 

 

 

 
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