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Totes Baby am Flughafen Köln/Bonn
"Diese Tat macht in jeder Hinsicht fassungslos"

Totes Baby am Flughafen Köln/Bonn: "Diese Tat macht in jeder Hinsicht fassungslos"
Die Angeklagte betritt am ersten Prozesstag den Gerichtssaal. (Archivbild) FOTO: dpa, hka jhe
Köln. Sie streitet ab, ihr Kind auf einer Flughafen-Toilette in Köln getötet zu haben - doch die Staatsanwaltschaft glaubt einer 28-jährigen Studentin nicht und hat nun fünf Jahre Haft wegen Totschlags beantragt.  Von Claudia Hauser, Köln

Es war drei Minuten nach ein Uhr nachts, als Marie H. (Name geändert) mit einem weißen Jutebeutel von der Toilette in Terminal 2 des Köln-Bonner Flughafens kam und zu ihrem Freund ging, der mehr als eine Stunde auf sie gewartet hat. Im Beutel war das tote Kind des Paares, das die Studentin gerade auf die Welt gebracht hatte. Dass die 28-Jährige den Jungen auf der Toilette getötet hat, davon ist Staatsanwalt Jens Scherf nach Ende der Beweisaufnahme im Prozess im Kölner Landgericht überzeugt – die Angeklagte hat bis zuletzt bestritten, das Kind erstickt zu haben.

Der Staatsanwalt fordert am Mittwoch fünf Jahre Haft wegen Totschlags für Marie H. "Diese Tat macht in jeder Hinsicht fassungslos", sagt er. Zu viele Handlungsalternativen hätten so nahe gelegen, um das Kind zu retten. Marie H. sei intelligent genug, hätte daher die Möglichkeit durchdenken können, das Neugeborene etwa in eine Babyklappe zu legen. "Selbst wenn sie es einfach im Toliettenraum liegen gelassen hätte, dann wäre es wahrscheinlich wenig später gefunden worden – und hätte gerettet werden können", sagt Scherf.

Das Motiv bleibt im Dunkeln

Die Tat stehe im Gegensatz zu dem, was man von einem Menschen wie der Angeklagten erwarten, was man ihr zutrauen würde. Verwandte, Freunde und ehemalige Mitbewohner hatten Marie H. im Prozess als kinderlieb, sozial, empathisch und hilfsbereit beschrieben. Ihr Motiv bleibt im Dunkeln. Nach Ansicht des Staatsanwaltschaft liegt nahe, dass sie sich von ihrem Freund, mit dem sie seit fünf Jahren zusammen war, bewusst oder unbewusst unter Druck gesetzt gefühlt hat. Der 26-Jährige hatte immer klar gesagt, dass er kein Kind möchte, Angst davor habe, Vater zu sein. Das wusste Marie H., die im Laufe der Beziehung schon zweimal abgetrieben hatte. Staatsanwalt Scherf hält aber auch für denkbar, dass es ihr darum ging, "ihr Leben unbelastet weiter führen zu können" – ohne Kind.

Fest steht, dass Marie H. ihrem Freund von der dritten Schwangerschaft erzählt hat, im Mai 2016, da war es für eine legale Abtreibung schon zu spät. Vorher hatte sie Methoden gegoogelt, wie man einen Schwangerschaftsabbruch selbst herbeiführen kann. Das Paar sprach offenbar nicht mehr über die Schwangerschaft. Marie H. vertraute sich auch keiner Freundin oder einem Arzt an. Irgendwann soll sie ihrem Freund gesagt haben, es gebe kein Kind mehr, sie sei beim Arzt gewesen.

Absurd und unglaubhaft

Der Staatsanwalt glaubt ihr nicht, dass ihr Freund auch in dem Urlaub auf Gran Canaria kurz vor der Geburt nicht wusste, dass sie im neunten Monat schwanger ist. Der 26-Jährige hatte später einem Arzt gesagt, er habe es gewusst, aber nicht damit gerechnet, dass das Kind schon auf die Welt kommt. Marie H. hatte ausgesagt, sie habe die Schwangerschaft vor ihrem Freund verheimlicht. Doch bucht man dann einen Pärchen-Urlaub am Meer? Gibt man genau demjenigen den Jutebeutel mit dem toten Kind, vor dem man es verheimlichen will? Scherf hält das für lebensfremd, absurd und unglaubhaft. Er geht davon aus, dass es einen gemeinsamen Plan der beiden gab, spätestens nach der Geburt. "Die beiden haben bis zur Festnahme alles getan, um die Existenz des Kindes zu verheimlichen", sagt Scherf.

Während seine Freundin im Krankenhaus lag, weil sie nach der Sturzgeburt fast verblutet wäre, noch am Flughafen zusammengebrochen war, fuhr ihr Freund mit dem toten Kind in ihre Wohngemeinschaft nach Siegen, wusch das Kind und versteckte es im Bettkasten.

Ermittlungen gegen den Vater laufen

Marie H.s Verteidiger Karl-Christoph Bode fragt später an diesem Tag, warum nicht auch der Vater des Kindes auf der Anklagebank sitzt. Die Ermittlungen gegen ihn laufen noch und man wollte den Verlauf des Prozesses abwarten. Er war als Zeuge im Prozess, verweigerte aber die Aussage. Einem Polizisten hatte er gesagt, er sei froh, dass das Kind weg sei.

Scherf wirft der Angeklagten vor, ihre Aussagen immer den Ermittlungsergebnissen angepasst zu haben. Sie hatte etwa bei der Polizei gesagt, das Kind sei mit dem Kopf in die Toilette gefallen, dabei wohl ertrunken. Doch als das Obduktionsergebnis dagegen sprach, sagte Marie H. sie habe es aufgefangen, sei dann kurz weggesackt und als sie wieder zu sich gekommen sei, sei das Kind tot gewesen. Zwei erfahrene Ärztinnen hatten allerdings im Prozess ausgesagt, dass eine Ohnmacht nach einer Geburt faktisch nicht vorkommt.

Warten, bis nichts mehr ging

Dass Marie H. in einer absoluten Ausnahmesituation war, als sie allein auf dieser Toilette ein Kind auf die Welt brachte, erkennt der Staatsanwalt zwar an, sie habe sich aber selbst in diese Lage gebracht, habe sich bewusst dafür entschieden, zu keinem Zeitpunkt der Schwangerschaft einen Arzt zu sehen. Erst als es nicht mehr anders ging und sie blutend am Gepäckband zusammenbrach.

"Sie haben an diesem Tag eine fatal falsche Entscheidung getroffen, die Sie ein Leben lang begleiten wird", sagt Scherf. Dass sie die Tat bereue, merke man ihr an – auch wenn sie kein Geständnis abgelegt habe.

Verteidiger Bode streitet für seine Mandantin ab, dass sie das Verbrechen geplant habe. "Sie hat an das Geschehen keine realen Erinnerungen", sagt er. "Ich maße mir nicht an zu wissen, was auf dieser Toilette passiert ist." Niemand könne ausschließen, dass Marie H. das Kind möglicherweise versehentlich getötet habe. Er fordert einen Freispruch.

Marie H. hat das letzte Wort. Sie weint und spricht so leise, dass sie kaum zu verstehen ist: "Ich kann nur sagen, dass ich vieles in meinem Leben ändern muss. Ich schaffe das – für mich und meinen Sohn."

Am Freitag verkündet die Kammer das Urteil.