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Krefeld
Castellfest auf dem Ausgrabungsfeld

Krefeld: Castellfest auf dem Ausgrabungsfeld
Zahlreiche Besucher ließen sich am Wochenende in Gellep von den Archäologen die Ausgrabungen erklären. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Hufe donnern auf den Boden. Die römischen Kämpfer galoppieren auf die Fußtruppe zu, die sich hinter ihren Schildern verbarrikadiert. Ein kurzer Aufschrei geht durch das Publikum, als beide Truppen aufeinanderprallen. Von Anika Martin

"Wollt ihr Blut sehen?", ruft der Moderator der Showeinlage. Es ist das erste Castellfest in Gellep. Und Blut ist hier tatsächlich in Massen gelaufen.

Unter dem Boden, auf dem an diesem Wochenende die Zuschauer stehen, haben Archäologen ein Gräberfeld entdeckt. Vor mehr als 2000 Jahren fanden hier furchtbare Schlachten, unter anderem die sogenannte Bataverschlacht um 69 n.Chr., statt. Die Knochen der damaligen Kämpfer liegen nun im Magazin des Museums Burg Linn. Die Arbeit der Archäologen in Gellep ist damit aber noch lange nicht abgeschlossen.

Römische Kämpfer zeigten ihr Können auch zu Pferde. FOTO: Lammertz Thomas

Der Krefelder Stadtarchäologe Hans-Peter Schletter schaut sich das Treiben der berittenen und unberittenen römischen Schausteller an. Er sieht nicht das, was der Rest des Publikums sieht. Er sieht echte Schlachten, echte Leichen und eine echte römische Siedlung rund um den Platz herum. Er kennt das 3,7 Hektar große Areal in Gellep genau. Vor seinem inneren Auge dürften sich hier und dort Mauern hochziehen, wo einst Häuser standen. Er sieht Menschen auf nicht mehr vorhandenen Straßen entlang wandeln. Er riecht den Duft aus dem erst kürzlich entdeckten Rauchofen, der wie eine Art antike Imbissbude an einer kaum mehr erkennbaren, ausgegrabenen Straße liegt.

Gemeinsam mit seinem zehnköpfigen Team arbeitet Schletter derzeit in Gellep. Unterstützt wird er von Ehrenamtlern, die teils ihren Jahresurlaub und ihre Wochenenden opfern, um ihrer Leidenschaft nachzugehen. Dabei sind die Archäologen nicht immer besten Bedingungen ausgesetzt: "Der nasse Juli hat mich dazu gezwungen, meine Grabungsmannschaft zu quälen. Wir mussten viel im Regen arbeiten. Das stößt nicht immer auf Begeisterung, aber es zeigt, welche Motivation meine Mannschaft hat. Meine Arbeit lebt von den begeisterten jungen Leuten, mit denen ich zusammenarbeite", sagt Schletter. Mit Zelten arbeitet er nicht gern, "das hält mich auf. Lieber arbeite ich schnell."

Schnelligkeit ist bei den derzeitigen Grabungen geboten. Seit Mai gräbt das Team auf dem Areal, auf dem die österreichische GoodMills Group bereits ab kommendem Frühjahr die größte Getreidemühle Europas bauen möchte. Vorher liegt es noch an Schletter, so viel wie möglich der kostbaren historischen Schätze im Erdreich zu bergen und zu dokumentieren. So begibt er sich täglich mit seinem Team auf die Grabung.

Alles beginnt mit der Freilegung der Fundstelle. Ein erfahrener Grabungstechniker zieht die Humusschicht mit einem Bagger ab, bis sich Verfärbungen der Erde erkennen lassen. Diese werden dann von Schletters Mitarbeitern gekennzeichnet, vermessen und dokumentiert. Das geschieht teils mit traditionellem Dokumentationshandwerk wie Zeichenpapier und Stift, teils mit hochmodernen digitalen Dokumentationsmethoden. Nach dieser horizontalen Beurteilung folgen vertikale Schnitte der Fundstellen zur weiteren Interpretation und zeitlichen Einordnung. Bei mehr als 1900 Fundstellen in Gellep eine recht komplexe Angelegenheit.

Dazu kommen noch an die 10.000 Fundstücke wie Keramiken und Steine, die ebenfalls ausgewertet und datiert werden müssen. So bekommen die Archäologen ein relativ genaues Bild der Siedlungsabläufe und Chroniken vor Ort. Schletters Plan ist es, seine aktuelle Ausgrabung mittels zweier Dissertationsthemen der Forschung und der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

"Ein Großteil der Tätigkeit meiner Leute besteht in schwerer körperlicher Arbeit. Da wird viel mit der Schippe gearbeitet. Unsere beiden 25- und 3,5-Tonnen-Bagger sind außerdem jeden Tag im Einsatz. Doch trotz aller Anstrengung ist es der schönste Beruf der Welt. Wenn er bezahlt wird", erklärt Schletter.

An Nachwuchstalenten und begeisterten Mitarbeitern fehlt es ihm nicht. Doch Archäologen hangeln sich von Vertrag zu Vertrag, haben keine Planungssicherheit, häufig fehlen schlichtweg die Gelder für sie.

Die Leidenschaft ist es also, die Menschen wie Schletter und seine Angestellten lenkt. Diese Leidenschaft ist Schletter und seinem Team anzumerken: "Es ist ein ganz großes Glück, als Archäologe hier in Gellep arbeiten zu können."

Quelle: RP
 
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