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Krefeld
Das letzte Weihnachtsmärchen im Uerdinger BayTreff

Krefeld. Die Bayer-Nachfolgefirma Covestro plant die Schließung des BayTreffs zum Jahresende. Die Bayer-Laienspielgruppe verliert ihre Spielstätte für das Weihnachtsmärchen.. Von Otmar Sprothen

Der Aufführungssaal des Uerdinger BayTreffs an der Duisburger Straße 42 liegt im Halbdunkel. Die Scheinwerfer sind auf die Bühne gerichtet, auf der intensiv an den Rollen des Weihnachtsmärchens der Laienspielgruppe Bayer Uerdingen gefeilt wird. Vor der Bühne sitzt Regisseur Matthias Oelrich, der das bekannte Märchen "Aschenputtel" für die insgesamt elf Aufführungen ausgewählt und das Drehbuch geschrieben hat, umgeben von Choreograph Frank Crossey und den Souffleusen Erika Hergt und Petra Rips.

"Im Gegensatz zum kommerziellen Theater, das aus Kostengründen die Zahl der Darsteller begrenzen muss, schicken wir möglichst viele Mitglieder unseres Ensembles auf die Bühne", erklärt Peter Kloppers, der auf der Bühne den Vater Aschenputtels spielt. Noch ist der Bühnenaufbau nur in Umrissen zu erkennen, auch die Kostüme der Darsteller wirken noch unfertig.

Die in der oberen Etage des BayTreffs untergebrachte Kostümschneiderei und die daneben liegenden Werkstatträume für Bühnenbild und Technik arbeiten fieberhaft daran, dem Ganzen den letzten Pfiff zu geben. Für die rund 60 Aktiven der Laienspielgruppe hat die heiße Phase begonnen. Am Samstag, 2. Dezember, 15.30 Uhr, ist die Premiere des Märchenstücks.

Für die Mitwirkenden heißt dies, dass sie in den letzten drei Monaten vor der Aufführung jeden Samstag und Sonntag proben müssen, Kostüme nähen, die Beleuchtung ausregeln und Kulissen bauen. "Vor allem für die jugendlichen Mitwirkenden bedeutet dies eine harte Anforderung", weiß Koppers und fügt an: "Schauspielern erzieht zur Disziplin. Es ist interessant zu beobachten, wie der Weg der Kinder und Jugendlichen über die Jahre hinweg zu einer professionellen Übernahme von Rollen verläuft." Roland Lipski (19) spielt den Prinzen Ferdinand. Die zeitliche Inanspruchnahme nimmt er mittlerweile leicht. "Wenn man im Alltagstrott gefangen ist", sagt Lipski, "hat man hier die Möglichkeit, in eine ganz andere Person zu schlüpfen und diese in allen Facetten ausspielen. Das ist ein geiles Gefühl."

Mitten in die Vorbereitungen zu "Aschenputtel" platzte die Nachricht, dass die Bayer-Nachfolgefirma Covestro "nach detaillierter Prüfung" den BayTreff zur Jahreswende schließen und abreißen wolle. Nicht nur die Laienspielgruppe Bayer Uerdingen verlöre ihre Spielstätte, auch das 80-köpfige Bayer Symphonie- und Akkordeonorchester und viele andere Vereine verlören ihre Heimat. Inzwischen wurde, so hört man, der Eingliederungswerkstatt ein Bleiberecht eingeräumt. "Für die Laienspielgruppe kann dieser Schritt das Ende in der bisherigen Form bedeuten", meint Vorsitzender Hermann-Josef Münker. Einerseits hat Münker Verständnis für die heutige Situation: "Wir leben nicht mehr in den Zeiten der Deutschland AG, in denen die Bayer-Familie von der Firma umsorgt wurde und für jeden Bayer-Mitarbeiter ein Bayer-Verein für eine sinnvolle Gestaltung der Freizeit sorgte. Covestro muss in einer globalisierten Wirtschaftswelt Rendite erbringen, um im Konzert der Bayer-Nachfolgefirmen ein gewichtiges Wort mitzureden." Dem hält Münker entgegen, dass ein blühender Verein, der seit 61 existiert, eigentlich ohne Not zu Fall gebracht werde, denn eine Ersatzspielstätte ist nicht in Sicht. 1994 siedelte die Laienspielgruppe in den BayTreff mit seinen 1500 Quadratmetern Veranstaltungsfläche über, der als multifunktionales Veranstaltungsforum mit seiner modernen Vortrags- und Bühnentechnik bis zu 600 Besuchern Platz bot, das städtische Saalangebot im Uerdinger Raum ideal ergänzte und auch viele regionale Tagungen anlockte. So zählte allein das Weihnachtsmärchen der Laienspielgruppe bis zu 7500 Besuchern in 13 Vorstellungen. Heute werden 6000 Besucher in elf Vorstellungen erwartet.

Engagierte Uerdinger Bürger wünschen, dass das Areal des BayTreffs mit dem danebenliegenden Gebäude unter Schutz gestellt werde. Von 1895 bis 1975 wurde hier der Kathreiner Malzkaffee hergestellt, als "Muckefuck" deutschlandweit bekannt. Andrea Führ, Helga Landwehr und Rita Toups arbeiten emsig daran, die Kostüme rechtzeitig den Darstellern anpassen zu können. Für sie ist der Schritt nicht logisch, den Covestro da macht. Ironisch sagt eine von ihnen: "Ein gut besuchtes Weihnachtsmärchen oder eine andere attraktive Veranstaltung im BayTreff stellen doch eine gelungenere Werbung für die chemische Industrie dar als ein Chemieunfall."

Quelle: RP
 
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