| 00.00 Uhr

Krefeld
Der Herr der Pläne

Krefeld: Der Herr der Pläne
Planungsdezernent Martin Linne bei der Vorstellung der Expertise zur Zukunft des Seidenweberhauses. FOTO: Lammertz
Krefeld. Er wirkt manchmal arrogant, kämpft mal mit Florett, mal mit Keule: Dezernent Martin Linne plant Krefelds Zukunft. Ein Porträt. Von Jens Voss

Es gibt in seinem Mienenspiel dieses spöttische Lächeln, das Vorbote ist für einen Stich mit dem Florett: Martin Linne ist kein Verwaltungsmann, der sich wegduckt. Wirft man ihm einen Fehdehandschuh hin, nimmt er ihn auf. Die einen empfinden das als arrogant, die anderen schätzen ihn genau dafür sehr. Ist er arrogant?

Vielleicht ist er elegant, und das mag im Sitzungssaal C 2 im Rathaus schon wie eine Provokation wirken. Linne ist groß, schlank und bewegt sich tatsächlich mit einer gewissen Eleganz. Haltungsnote in der nach oben offenen Cary-Grant-Skala: 8,4. Also ordentlich.

Man muss ihn nur einmal beobachten, wie er lässig mit seiner Lesebrille spielt, wie sein Mienenspiel das vorbereitet, was er dann sagt. Unvergessen, wie er 2012 in der Debatte um das "Café del Sol" Einwände der FDP mit den Worten parierte: "Wer lesen kann, ist im Vorteil." Das war ein neuer Ton im Umgang mit Politikern. Linne hält nicht ergeben das Haupt hin, wenn jemand mit dem Dreschflegel kommt. Er antwortet. Manchmal mit Florett, manchmal mit der Keule.

Was sein Amt objektiv schwierig macht, ist das grassierende Misstrauen in deutsches Planungsrecht. Als er das Areal am "Nordbahnhof" entwickeln wollte, hatte er einmal den gesamten Planungsausschuss gegen sich - zu groß war das Misstrauen, dass all die schönen Versicherungen über Bestandsgarantien der beliebten Gaststätte Schall und Rauch sein könnten. Linne redete mit Engelszungen: Bebauungspläne seien dazu da, Konflikte zu befrieden. Geglaubt hat ihm niemand. Erst nach langer Mediation ist eine Lösung gefunden worden - mit Existenzgarantie für den Nordbahnhof.

Linne ist kein Diplomat. Bei Hofe wäre er Lordkanzler, der andere mehr in Schach hält als einbindet. Selbstbewusst. Machtbewusst. Wobei sich Linnes Macht vor allem aus deutschem Planrecht speist. Es arbeitet gravitätisch wie eine Turmuhr. Es ist tatsächlich darauf angelegt, Konflikte zu befrieden und Bürgereinwände abzuarbeiten. Das ist seine Stärke und seine Schwäche. Schwäche, weil Planung enervierend langsam verläuft; Stärke, weil kein Heißsporn - sei er Bürger oder Politiker - vorpreschen, poltern, machen kann. Linne hat dieses stattliche Uhrwerk im Rücken. Das beruhigt. Deutsches Planrecht hat noch jeden Heißsporn abgekühlt und auf dem Boden der rechtlichen Tatsachen festgeschraubt.

In der Debatte um das Seidenweberhaus lässt Linne Sympathie für das Kesselhaus erkennen. Das darf er auch, solange er andere Varianten nicht bewusst schlechter macht, als sie sind. Aus der Politik sind solche Vorwürfe noch nicht laut geworden - vielleicht ja auch deshalb, weil Linne offen mit seiner Sympathie umgeht. Er pocht dennoch auf seine Neutralität in der Präsentation aller Varianten. Freilich bewegt der Dezernent sich damit auf schmalem Grat. Ein stattliches Ego, gepaart mit fachlicher Dominanz, kann sich beim Gegenüber fatal verdichten: zu dem Verdacht, dass da jemand manipulativ agiert. Nochmal: Aus der Politik ist dieser Vorwurf nicht zu hören, wohl aber die Befürchtung, dass der Dezernent mit seiner Art Entscheidungen komplizierter machen könnte.

Das ist nicht abwegig. Die FDP zum Beispiel hat sich auf Linne eingeschossen. Substanzielle Vorwürfe gab es bisher nicht. Oberbürgermeister Meyer, so hat FDP-Chef Heitmann einmal gesagt, solle Linne an die kurze Leine legen. Das Grundgefühl dahinter ist: Linne handelt selbstherrlich. Es ist zudem leichter, sich an einem Alphatier wie Linne abzuarbeiten als an einem Oberbürgermeister, der sich bislang keine Blöße gegeben hat und Konflikte geschickt meidet.

Freunde von Linne schätzen ihn sehr. Loben seine Fachkompetenz. Seine Vernetzung. Seine Ambitioniertheit. Es war aufschlussreich, wie Linne dem marktwirtschaftlich vielversprechenden Angebot des Unternehmers Gerald Wagener eine Abfuhr erteilte. Linne argumentierte nicht nur juristisch, sondern auch mit der Logik demokratischer Planung: Nicht das Erstbeste nehmen, sondern Alternativen einholen, vergleichen, dann entscheiden. Dabei wählte er einen sehr zwiespältigen Vergleich: Man sei kein Alligator, der nach einem zufällig vorbeihoppelndem Kaninchen schnappt. In dieser Bemerkung liegen Souveränität des Planungsrechtlers und Missachtung marktwirtschaftlicher Effizienz fatal eng beieinander. Die Debatte um Wagener ist in dieser Hinsicht erhellend: Transparenz der Prozesse ist dem Planrecht wichtiger als Kostengunst und Schnelligkeit. Linne folgt in dieser Hinsicht einem klaren ordnungspolitischen Wertgefüge. "Das kann nicht unser Anspruch sein", lautet sein Motto gegenüber dem Wunsch nach mehr Hauruck in Planprozessen.

Das ist ja auch richtig; das unterscheidet Deutschland von einer Bananenrepublik. Allerdings sind deutsche Planprozesse mittlerweile so fehleranfällig, dass man neu über den Anspruch reden muss, den Linne da proklamiert. Öffentliches Bauen ist heute selten schön und selten wertig; und es ist oft genug eine Geldvernichtungsmaschine. Ein Neubau auf dem Theaterplatz als Ersatz für das Seidenweberhaus sollte 2014 rund 50 Millionen Euro kosten; heute sind es bereits 55 Millionen. So darf man gespannt sein, wie viel Geld die Bürgerschaft dereinst hinlegen muss, wenn das Räderwerk Planrecht eine Entscheidung aus seinem Maschinenraum herausgepresst hat. Der "Anspruch", den Linne da formuliert, ist längst fragwürdig.

Entscheidend für Krefeld ist: Das liegt nicht in Linnes Verantwortung. Er verkörpert, was deutsches Planrecht heute ist. Dass er seine Pläne je nach Gefechtslage mit Eleganz oder polternder Wucht vertritt, ist erst einmal kein Fehler. Dazu wird all das erst, wenn Streit um ihn größer werden sollte als der um das nächste Projekt.

Linne hat in Krefeld genügend Gelegenheiten zu zeigen, wie recht seine Freunde haben. Ob man ihn mag oder nicht: Man kann ihm dabei nur Fortune wünschen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Der Herr der Pläne


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.