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Analyse Schulpolitik
Der letzte Tag bei "Prinz Ferdinand"

Analyse Schulpolitik: Der letzte Tag bei "Prinz Ferdinand"
Schulleiterin Angelika Brünsing im Technikraum vor Umzugskartons: Zum Ende des Schuljahres wechseln neun verbleibende Lehrer und zwei neunte sowie zwei zehnte Klassen an die Hauptschule an der Hafelsstraße. FOTO: samla
Krefeld. Die Schüler haben zum Abschied ein anrührendes Video gedreht: Morgen schließt die Hauptschule an der Prinz-Ferdinand-Straße. Neben persönlichen Abschieden bleiben grundsätzliche Fragen: Ist die Abschaffung der Schulform Hauptschule wirklich der richtige Weg? Angelika Brünsing, kommissarische Rektorin an "Prinz Ferdinand", hat massive Zweifel. Von Jens Voss

Das Video ist eine Liebeserklärung der Schüler an ihre Schule - und es ist verblüffend zu sehen, wie augenzwinkernd-präzise die Verse der Udo-Lindenberg-Ballade "Hinterm Horizont geht's weiter" zur Situation passen: "Das mit uns ging so tief 'rein/ das wird nie zu Ende sein", singen die Schüler, "wir warn' so richtig Freunde für die Ewigkeit/ das war doch klar".

Die Ewigkeit hat 49 Jahre gedauert - die Prinz-Ferdinand-Hauptschule wurde 1968 gegründet und läuft in diesem Jahr aus. Zurück bleibt das beklemmende Gefühl, dass in NRW eine Schulform ausläuft, die in der Realität viel besser war als ihr Ruf. Und so sitzt eine nachdenkliche Rektorin zwischen Umzugskartons und fragt sich, was aus künftigen Schülergenerationen wird: "Ich frage mich, ob unsere Schülerklientel ohne die Hauptschule weiter so gut betreut wird, wie wir das gemacht haben", sagt sie im RP-Gespräch.

Das ist nicht nur Eigenlob einer Hauptschullehrerin pro domo. Im Jahr 2011 - und zwar im Juni, also einen Monat bevor SPD, Grüne und CDU in NRW das Aus für die Hauptschule ausgehandelt und den "Schulfrieden" ausgerufen haben - hat die Krefelder Kreishandwerkerschaft im RP-Gespräch den Hauptschulen einen spürbaren Sprung nach vorn attestiert. Berufsorientierung, Vernetzung mit den Unternehmen, Förderung handwerklicher Begabungen, erzieherische Arbeit: Alles war auf gutem Weg. "Wenn es zu neuen Schulformen kommt," hatte damals fast flehentlich Jens Wenglarz vom Bildungszentrum der Kreishandwerkerschaft gesagt, "dann sollten diese Maßnahmen zur Berufsorientierung, wie sie sich an den Hauptschulen bewährt haben, übernommen werden. Das hat so viel positive Wirkung gehabt, dass wir es nicht mehr missen möchten. Das darf nicht wieder verloren gehen."

Angelika Brünsing sieht es ähnlich: Ausbau und Professionalisierung der Berufsorientierung war der Schlüssel zum Leben der Schüler, die den Hauptschulen anvertraut waren. "Wir haben schwierige Schüler erlebt, die in einem Praktikum plötzlich eine ganz andere Seite gezeigt haben. Die plötzlich Erfolgserlebnisse hatten, plötzlich Respekt vor Gesellen zeigten, plötzlich aktiv mitarbeiteten."

Probleme will Brünsing nicht kleinreden. "Es gab natürlich sehr schwierige Fälle, es gab auch Gewalt, aber ich denke, das haben wir immer in den Griff bekommen." Ein Ansatz: Sprechstunden des zuständigen Bezirkspolizisten. Gewalt war, so ist der Tenor, ein Problem, aber eines am Rande.

Unterm Strich hatte das Bild von der Hauptschule in der Öffentlichkeit nicht viel mit der Realität zu tun: "Was habe ich für tolle Klassenfahrten gemacht", erinnert sich Brünsing. Auch das Bild vom ausgebrannten, frustrierten Hauptschullehrer verweist sie ins Reich der Legende: Es ist wohl mehr Karikatur als Abbild der Wirklichkeit. "Natürlich gab es Kollegen, die dem Druck nicht standgehalten haben, aber das waren wenige, und solche Fälle gibt es in allen Berufen."

Von Hauptschulpraktikern konnte man dies immer wieder hören: Die Arbeit an den Hauptschulen mit den Schülern war gut und erfolgreich, doch gegen den schlechten Ruf kamen alle Erfolge nicht mehr an. Das war auch die Analyse von dem Leiter der Von-Ketteler-Hauptschule, Marcel Optenhostert - er sagte im Jahr 2011 im RP-Gespräch: "Wir haben sehr gute Werte bei der Qualitätsanalyse und liegen bei der Übergangsquote unserer Schüler in den Beruf deutlich über dem Schnitt. Aber wissen Sie was? Es interessiert niemanden; solche Ergebnisse ändern nichts, aber auch gar nichts daran, dass Eltern die Schulform Hauptschule lieber meiden."

Heißt ja auch: Die Hauptschule ist nicht an realen Problemen zugrundegegangen, sondern an einer PR-Katastrophe. Wie singt Udo Lindenberg in "Horizont": "Und dann war's passiert/ hab es nicht kapiert/ Ging alles viel zu schnell". Oder wie die Prinz-Ferdinand-Schüler es in einem Bild in ihrem Video darstellen: "Und tschüss".

Angelika Brünsing glaubt heute, dass die Krefelder Hauptschulen mehr hätten kämpfen müssen - auch sie selbst. Sie zweifelt, ob Real- oder Gesamtschulen leisten können, was die Hauptschulen geleistet haben, die übrigens in ihrer Mehrheit Zwergschulen waren: Die Prinz-Ferdinand-Schule hatte in ihrer letzten Epoche rund 350 Schüler, berichtet Brünsing: "Jeder kannte jeden, das war sehr familiär."

Als ein Problem der Hauptschulen galt die Konzentration von sehr schwierigen Schülern - Brünsing glaubt nicht, dass die pure Durchmischung mit Real- oder Gesamtschülern das Problem löst. "Natürlich kann es sein, dass es für den Lehrer einfacher wird, wenn er nur einen solcher Schüler in der Gruppe hat. Aber dieser Schüler braucht weiter viel Aufmerksamkeit." Ob das Real- oder Gesamtschulen stemmen können, muss sich erst noch zeigen. Vielleicht, so sinniert die Lehrerin, wird es ja bald eine Wiedergeburt der Hauptschule unter anderem Namen geben. Oder die Realschulen sind in ein paar Jahren faktisch Hauptschulen.

So bleibt der Eindruck nach diesem Gespräch zwischen Umzugskartons: Der Schulfrieden von 2011 hat vielleicht einen politischen Streitpunkt ausgemerzt, bei dem keine Partei mehr etwas gewinnen konnte. In der Lebensrealität der Schulen aber wurden Probleme nicht gelöst, sondern verschoben. Die Schüler, die besondere Zuwendung brauchen, sind weiter da; und die Frage, wie sie diese Zuwendung bekommen, ist ohne Hauptschule weiter offen.

Quelle: RP
 
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