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Krefeld
Die neue Lust am Blues

Krefeld: Die neue Lust am Blues
Ausgelassen, heiter und fast übermütig: Auch so lässt sich Blues umsetzen. Eine Szene mit Amelia Seth und Robin Perizonius. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Blues, Romantik und Flamenco: Drei Lebensgefühle zeigt die Ballettcompagnie in Robert Norths neuem Tanzabend "Rhapsodie und Rumba". Die Premiere im ausverkauften Theater wurde leidenschaftlich gefeiert. Von Petra Diederichs

Wenn Karine Andrei-Sutter der Blues packt, kann es einen zerreißen. Verzweifelt windet sie sich zu den Klängen von "Why are you crying", jede Pirouette ist innerer Kampf, jeder Sidestep unausgesprochener Schmerz. Blues ist ein Gefühl, das man nur mit Musik beschreiben kann? Von wegen. Blues ist körperlich. Der Tanz ist seine originäre Ausdrucksform. Wer Robert Norths Choreografie von "Boom Boom" gesehen hat, wird schwer vom Gegenteil zu überzeugen sein. In einer Neufassung hat der Ballettchef Choreografie-Elemente von 2003 (uraufgeführt in Saint-Étienne) zu Musik von John Lee Hooker bis B.B. King gesetzt, sie ineinander verschmelzt und jeden Song zu einer Kurzgeschichte großer Gefühle erhoben. Und dabei geht es nicht nur um Weltschmerz. Mit Schwung und Frische zeichnet das Ensemble Lebensgefühle aus der Zeit der amerikanischen Prohibition nach, Udo Hesse hat dafür Kostüme aus dem Fundus gewählt, die nach gelebtem Leben aussehen. Da stürmen die Jungs mit den Hosenträgern und den Schiebermützen über die Bühne, geben sich cool und lassen sich von frechen Mädchen verwirren. Dabei entfachen sie so viel Heiterkeit, dass das Publikum schon im ersten Teil der Ballett-Trilogie ausrasten möchte. Nach 20 Minuten ist klar: "Rhapsodie und Rumba" wird nach "Carmina Burana" wieder eine Sternstunde für Tanzfans.

Wenn auch mit ganz anderen Vorzeichen. Die Bluesmusik kommt vom Band, was nicht stört. Wenn Hooker sein berühmtes "Boom Boom Boom Boom" schnarrt, ist das die perfekte Klangkulisse für Sprünge, Fingerschnipsen und Headbanging.

Auf die Akkuratesse der Tänzer können sich North und seine Assistentin Sheri Cook blind verlassen. Da sitzt jeder Tip taktgenau auf der Musik. Eine Überraschung des Abends ist Amelia Seth, die wie eine Jazz-Colombina auftritt, mit kleinsten Bewegungen kokettieren und die Bühne füllen kann.

Blues lässt sich noch steigern - mit Liszt und André Parfenov. Musik, die schier unspielbar klingt, bändigt der Pianist in "Rhapsodie" live am Flügel auf der Bühne. Das berühmte La Campanella ("Das Glöckchen") nach Paganini ist virtuos wie ein Schneegestöber. Mit Parfenov wird es zum fünfminütigen Meisterkonzert. Die grazile Yasuko Mogi und Giuseppe Lazzara tanzen dazu einen feinen Pas des Deux - es ist die erste, sehr klassisch ausgerichtete Choreografie des Compagniemitglieds Takashi Kondo.

Mit Licht und wenigen Requisiten verwandelt sich die Bühne mit dem Flügel danach in einen Konzertsaal, einen Park, kurz: ins Welttheater für die großen und kleinen Schicksalsmomente der Figuren. Liszt, der Romantiker, flackert auf in Szenen wie "Un Sospiro" - ein Seufzer. Liszt, der Exzentriker, tobt im Finale "Mazeppa"- hoch virtuos und dramatisch. Und jeder Triller, jedes Arpeggio spiegelt sich in den flinken Schritten der Tänzer.

Nach so viel Feuer startet der spanische Teil fast gemütlich wie bei einem Sherry in der Tapas-Bar. Vertraute Flamencoklänge von Paco de Lucia und Simon Rogers erzählen vom ewigen Werben um die Liebe. Elisa Rossignoli bringt in feuerrotem Herrenoutfit die Luft zum Glühen. Als "Die Frau in Rot" setzt sie mit Alessandro Borgehsani ("Der Mann in Schwarz") einen weiteren tänzerischen Glanzpunkt des Abends.

Großer Beifall auch für Paolo Franco, den Allzweck-Wirbelwind, sowie Irene van Dijk, Takashi Kondo und Victoria Hay, die sehr poetische Momente beisteuerten, und das gesamte Ensemble.

Quelle: RP
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