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Krefeld
Ein Musical voller Theaterzauber

Krefeld: Ein Musical voller Theaterzauber
Professor Higgins (Markus Heinrich, rechts) zeigt wie's geht: Bei jedem "H" in "Ich seh' Krähen in der Nähe" muss die Kerzenflamme flackern. Eliza (Susanne Seefing) und Oberst Pickering (Thomas Peter) sind skeptisch, dass das klappt. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Roland Hüve hat "My Fair Lady" in einer Spieldosen-Kulisse inszeniert. Ein nostalgisches Märchen, musikalische Gassenhauer und romantische Töne begeistern das Premierenpublikum. Ein Bühnen-Evergreen zum Schwelgen. Von Petra Diederichs

Schon im Parkhaus trällert jemand voller Vorfreude: "Ich hätt' getanzt heut' Nacht". Bei der Ouvertüre im ausverkauften Theatersaal summt das Parkett reihenweise mit. An diesem Abend gibt es kein Neuland. Gerade deshalb ist die Bühne für ein Stück, das jeder kennt, eine spiegelglatte Fläche für einen Regisseur: Er muss diesmal nicht nur die Erwartungen bedienen, im Idealfall toppt er Julie Andrews, die Bühnen-Ikone, und das Kino-Traumpaar Audrey Hepburn und Rex Harrison, die "My Fair Lady"-Geschichte geschrieben haben.

Roland Hüve gelingt das. Er verzaubert sein Publikum mit einer Qualität, die gutes Theater hat: Magie. Okarina Peter und Timo Dentler haben ihm eine Spieldosenbühne gebaut. Wie ein Nostalgie-Karussell drehen sich zwei Holzscheiben, gekrönt von einem türkisgrünen Raffvorhang und blinken Glühlämpchengirlanden. Die Bühne auf der Bühne ist eine Einladung in eine nostalgische Welt, wo Papppferdchen traben - und die Handlungsorte sich flugs verändern lassen: eben noch der Markt von Covent Garden, schon die Rennbahn von Ascot.

Das hat Charme. Es ist ein Märchen von einem Blumenmädchen, dessen "Hals schmutziger ist als sein Schal" und das von einem Phonetik-Spezialisten auf gesellschaftsfähig getrimmt wird. Alle kennen die sprachlichen Entgleisungen Eliza Doolittles, die der ehrgeizige Professor Higgins als "kaltblütigen Muttersprachenmord" einer Rinnsteinpflanze bezeichnet.

Für George Bernard Shaw, dessen 1913 - vor 102 Jahren - am Wiener Burgtheater uraufgeführtes Stück "Pygmalion" die Vorlage für "My Fair Lady" ist, war der Stoff, einen Menschen nach den eigenen Vorstellungen zu formen, zu gewichtig für ein Musical. Erst nach seinem Tod konnten Frederick Loewe und Alan J. Lerner das Musical realisieren, das seit 1956 auf Theaterbühnen in aller Welt gespielt wird.

Die Shaw'sche Sozialkritik am Gefälle zwischen den Gesellschaftsschichten und dem Machismo der Männer geht bei Hüve nicht im Nostalgienebel unter. "Was kann man mehr für einen Menschen tun, als ihn in einen anderen zu verwandeln", fragt Markus Heinrich als selbstgefälliger Professor Higgins. Autoritär, betriebsblind und ständig auf der emotionalen Bremse gibt er den Pedanten, der aber bei jedem Lied punktet - besonders in seiner Liebeserklärung "Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht". Susanne Seefing hat in der Eliza ihre Paraderolle gefunden: Frech, keck und mit frischem, strahlendem Sopran fängt sie den rotzigen Charme und die Gefühlstiefe des Blumenmädchens ein, das sich in seinen Schöpfer verliebt, ihn um den Finger wickelt und vor Herzensklugheit strotzt: "Der Unterschied zwischen einem Blumenmädchen und einer Lady liegt nicht darin, wie sie spricht, sondern wie man sie behandelt". Hüves Inszenierung behandelt die Geschichte der Lady vorzüglich. Nicht nur optisch wird groß aufgefahren, feine Komik zieht sich durch - bis zu originellen Buchsbaumtierchen oder der monströsen Frisur von Hausdame Pierce (Debra Hays). Thomas Peter ist mit seinem gefälligen Bass spielfreudiger Mittler zwischen Higgins und Eliza, und Rafael Bruck sorgt als verliebter Freddy für romantische Momente. Die Niederrheinischen Sinfoniker glänzen bei jedem Ohrwurm. Kapellmeister Andreas Fellner fordert sie zu Feuer und Glanz auf, die Bläser donnern und tirilieren, die Streicher walzern und schwelgen, was das Zeug hält. Chor und Ballett sorgen für ständige Aktion und tragen zur Begeisterung des Premierenpublikums maßgeblich bei. Diese "Lady" verzaubert.

Quelle: RP
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