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Krefeld
Internet-Rendezvous mit dem Freitod

Krefeld. Das Theater zeigt Igor Bauersimas Erfolgsstück "norway.today". Morgen Abend ist Premiere in der Fabrik Heeder. Von Petra Diederichs

Julie will nicht mehr leben. Und auch August hat das Leben, das ihm als einziger "Fake" erscheint, satt. In einem Chatroom verabreden sich die beiden 20-Jährigen zum gemeinsamen Suizid. Der Ort ihrer Wahl ist ein Felsplateau, 600 Meter über einem norwegischen Fjord. Dort treffen sie sich. Aber wirklich zu springen, ist nicht so leicht, wie die beiden sich das in ihrer virtuellen Welt ausgemalt haben. Mit dem Stück "norway.today" traf Igor Bauersima im Jahr 2000 den Nerv einer jungen Generation, die die schier unendlichen Möglichkeiten des Internets entdeckte, mit den Bedingungen der wirklichen Welt haderte und verunsichert nach Werten suchte. Das Zwei-Personen-Drama, eine Auftragsarbeit fürs Düsseldorfer Schauspielhaus, wurde in den folgenden Jahren zum meistgespielten Stück auf deutschen Bühnen (und war auch ein Dauerbrenner im Kresch-Theater). Jetzt bringt Sascha Mey es in seiner ersten Regie auf die Studiobühne der Fabrik Heeder. Donnerstag ist Premiere.

Als Jugendstück sehen Dramaturg Martin Vöhringer und Regisseur Sascha Mey es nicht. "Es ist ein facettenreicher Stoff mit Tiefsinn. Die beiden Figuren sind eigentlich lebensbejahend, humorvoll und sympathisch. Da ist die Fallhöhe zum Suizid groß. Das macht es interessant", sagt Mey.

Bauersima, Schweizer mit tschechischen Wurzeln, hatte in einem Nachrichtenmagazin von einem jungen Norweger und einer Österreicherin gelesen, die sich via Internet zum gemeinsamen Sprung in den Tod von einem Felsen verabredet haben. Das Tabu lieferte Zündstoff über Jahre. Sascha Mey ist Jahrgang 1987, mit Internet und sozialen Medien aufgewachsen, sieht das Stück heute als nicht minder aktuell an: "Das Thema Vernetzung wird heute neu diskutiert. Das Stück markiert den Anfang der digitalen Revolution und der sozialen Medien, und es zeigt auch die Probleme der Entwicklung", sagt er. Und das größte Problem ist Verschiebung von Wirklichkeitsempfinden. "Das Problem der Figuren ist, dass sie im wirklichen Leben nicht Fuß fassen und zu dem Umkehrschluss kommen, es habe auch keinen Wert, sich dahinein zu begeben", sagt Vöhringer. Er hat das Stück, das erstmals vom Krefelder Theater gezeigt wird, bereits mehrmals betreut. Als eine Qualität des Textes nennt er das Spiel mit Sätzen von Heinrich von Kleist, der sich im November 1811 erschoss. "Das ist ein Fressen für alle Deutschlehrer."

August und Julie werden gespielt von Jonathan Hutter und Helen Wendt, die als Romeo und Julia bereits effektvoll den vereinten Bühnentod gestorben sind. "Die beiden sind ungeheuer gut aufeinander eingespielt, sie waren meine Wunschbesetzung", sagt Mey.

Premiere Donnerstag, 7. April, 20 Uhr, Fabrik Heeder. Kartentelefon 02151 805125.

Quelle: RP
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