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Krefeld
"Kabale und Liebe": Luise Miller als Muslima

Krefeld. Das Theater startet seine Spielzeit am Freitag mit Schiller: Schauspieldirektor Matthias Gehrt inszeniert "Kabale und Liebe" als Stück über grenzenlose Liebe in Zeiten der Angst vor dem Fremden. Die Millers sind darin Muslime. Der Gesellschaftskonflikt soll Diskussionen auslösen. Von Petra Diederichs

Das Liebespaar im Pop-Art-Stil à la Roy Lichtenstein ist ein Hingucker, mit dem das Theater für seine erste Inszenierung der Spielzeit wirbt: Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" hat am Freitag, 4. September, Premiere im Stadttheater. Der Comic-Charakter der Ken- und Barbie-Typen soll es augenfällig machen: Dieses antiseptische, unwirkliche Pärchen ist nur ein Platzhalter. Denn im Theater wird es um große Gefühle gehen, um die Entdeckung der Liebe, um Verrat und Tod - und um den größten gesellschaftlichen Konflikt der Gegenwart: um das Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Kulturkreise und die Angst vor dem Fremden.

Im Stück wird Schillers Unterschichten-Musikantenfamilie Miller islamistisch-konservativ sein. Luise wird Schleier tragen. Denn nur so könne jungen Menschen heute glaubhaft gemacht werden, warum die Liebe Luises zu Ferdinand, der zur Oberschicht gehört, nicht standesgemäß ist. "Wenn ein Vater in unserer säkularisierten westlichen Gesellschaft sagt: ,Ich gebe dir meine Tochter nicht', funktioniert das nicht. Standesunterschiede muss man heute anders erzählen. Aber sonst spielen wir Schiller pur", sagt Matthias Gehrt, der das 1784 in Frankfurt uraufgeführte Drama inszeniert. "Es geht nicht um Religion", ergänzt Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek. Deshalb sollte auf dem Programmflyer keine verschleierte Frau für "Kabale und Liebe" stehen.

Die Idee der verschiedenen Kulturkreise hat Gehrt bereits vor 15 Jahren geleitet, als er das Stück in Dortmund in Szene gesetzt hat. "Schwüre von Treue bis in den Tod und der große Einfluss von Eltern auf ihre Kinder funktionieren auf diese Weise sehr gut", sagt er. Das Bild einer Kultur, in der das Patriarchat noch präsenter ist als in Westeuropa, vermittelt sich über eine konservative türkische Familie schnell. Aber die damalige Inszenierung lag vor den Ereignissen des 11. Septembers. Damals hatten die sozialen Unterschiede eine andere Dimension: "Man konnte von einem Alt-68er erzählen, dessen Sohn ein Waldorfschüler ist, der sich in die Tochter eines Kebab-Ladenbesitzers verliebt", sagt er scherzhaft. Aus dem Gastarbeiter-Motiv ist heute brisanter Stoff geworden, "der durchaus zum Diskutieren anregen wird und es auch soll", sagt Gehrt. Inzwischen stecke mehr Kulturkampf darin: "Der Konflikt ist heute schmerzhafter und gefährlicher als vor 15 Jahren." Der Regisseur bringt Schiller 2015 auf die griffige Formel: "Grenzenlose Liebe in Zeiten der Angst vor dem Fremden".

"Kabale und Liebe" ist das Vorzeige-Stück des Sturm und Drang, der Klassiker, der seit Generationen zum Oberstufen-Stoff gehört. "Und es ist ein strukturell hervorragend gebautes Stück", findet Schauspieldirektor Gehrt. Die unverkennbar von Romeo und Julia inspirierte Geschichte zweier junger Leute, die sich über Standesgrenzen hinweg verlieben, lässt auch der damals 25-jährige deutsche Dichter Friedrich Schiller tödlich enden. Etliche Kabale, Intrigen und Buhlereien, vermeintliche Liebhaber, verhängnisvolle Briefe, Machtspielchen und verzweifelte Versuche, die eigene Würde zu wahren, machen ein Glück für Luise und Ferdinand unmöglich.

Zu Schillers Zeiten war "Kabale und Liebe" nicht unumstritten. Fürs bürgerliche Publikum wurde in diesem "bürgerlichen Trauerspiel" zu oft, zu blumig und in viel zu langen Passagen von Liebe gesprochen. "Bei Schiller geht es immer auch um die Frage, wie man ein Gefühl in Sprache gießen kann. Und darauf verstand er sich meisterlich", findet Gehrt. "Die Sprache besitzt eine große Schönheit, die man auch ausstellen muss. Es ist eine Kunstsprache, die die Entdeckung des Phänomens Liebe beschreibt." Deshalb gehe das Team sehr genau mit der Sprache um. "Die Sprache erzeugt Emotionen, auch bei den Schauspielern".

Entsprechend der Kunstsprache will Gabriele Trinczek die Bühne als Kunstraum zeigen: "90 Stühle und ein Sternenhimmel", beschreibt sie ihr Bild. Die offene Bühne über der ein Sternenhimmel die Sehnsüchte der Liebenden spiegeln soll, wird mit Stühlen möbliert - gepolsterten für die höhere Gesellschaft, ungepolsterte für die Unterschicht. "Mit diesen Stühlen werden die Schauspieler arbeiten", verrät die Bühnenbildnerin. So sollen unterschiedliche Räume gebildet werden, die für jeden Spielort mit entsprechender Beleuchtung versehen werden. Bei den Millers zuhause leuchtet die Neonröhre, in der upper class der Kronleuchter und Lady Milford, des Fürsten Mätresse, illuminiert ihr Reich mit Kerzenleuchtern.

Für die Kostüme ist Petra Wilke verantwortlich, die bereits bei mehreren Produktionen mit Matthias Gehrt und Gabriele Trinzcek an den Vereinigten Bühnen zusammengearbeitet hat.

Quelle: RP
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