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Krefelder erkrankt
Ein Leben mit Tourettesyndrom

Krefeld: Ein Leben mit Tourettesyndrom
Michael Pöllen hatte den Kampf gegen den Krebs gewonnen, als er den nächsten Schicksalsschlag hinnehmen musste: Er bekam Tourette. Seinen Beruf als Industriemechaniker musste er daraufhin aufgeben. Inzwischen aber hat er einen Weg gefunden, mit der Erkrankung umzugehen. Diese Erfahrung möchte er nun mit anderen teilen. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Michael Pöllen erkrankte mit 23 Jahren nach einer Chemotherapie am Tourettesyndrom. Jetzt sucht er Mitstreiter für eine Selbsthilfegruppe, in der er sich mit anderen Betroffenen vernetzen will. Von Rojda Firtina und Sven Schalljo

Mit 23 Jahren erkrankte Michael Pöllen an Krebs. Der Schock saß tief, doch er kämpfte gegen die lebensbedrohliche Krankheit, unterzog sich unter anderem einer Chemotherapie. Mit Erfolg: Pöllen besiegte den Krebs. Die Freude und Erleichterung aber hielten nicht lange an, denn fortan litt er an unkontrollierten Zuckungen. Zunächst hielt er diese für Nachwirkungen der Therapie, doch als es nach einiger Zeit nicht besser wurde, suchte er einen Neurologen auf. Die erschütternde Diagnose: Pöllen war, vermutlich durch die Chemotherapie, am Tourettesyndrom erkrankt.

Er vermutet, schon vorher eine leichtere Form der Krankheit gehabt zu haben, denn auch in jungen Jahren neigte er zu intensivem Augenblinzeln. Nun aber war sie sehr viel stärker ausgeprägt. Unwillkürlich zuckt er zusammen oder gibt seltsame Laute von sich.

"Das war frustrierend. Ich hatte den Krebs besiegt, den größten Kampf meines Lebens gewonnen, und dann bekomme ich Tourette. Ich wusste zunächst nicht, wie ich damit umgehen soll. Es folgte eine Zeit der Frustration. Ich konnte meinen Beruf nicht ausüben, probierte mich an einer Umschulung und bin seit 2001 Frührentner", berichtet der gelernte Industriemechaniker. Seine Tics waren sogar selbstgefährdend, bei der Arbeit ging seine Hand oft gezielt in Richtung Säge und Bohrer. An eine Fortführung der Tätigkeit war für den heute 48-Jährigen nicht zu denken.

Heute, sagt er, habe er seinen Weg gefunden, mit der Krankheit umzugehen. Gerne würde er aber Kontakte mit anderen am Tourettesyndrom leidenden Menschen knüpfen. Mit diesem Wunsch wandte er sich an Anne Behnen von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Krefeld. In Köln war er bereits vor einigen Jahren Mitglied einer etwa siebenköpfigen Selbsthilfegruppe gewesen, die sich jedoch auflöste.

Das Tourettesyndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Erstmals beschrieben wurde sie im Jahr 1885 von dem französischen Neurologen Georges Gilles de la Tourette. Betroffene leiden hierbei unter so genannten "Tics": weitgehend unwillkürliche, in kurzen Abständen wiederkehrende, nervöse Muskelzuckungen sowie Lautäußerungen. Bei Außenstehenden erzeugt das oft Irritation.

Pöllen lässt sich Hirnschrittmacher einpflanzen

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Die Hoffnung auf eine vollständige Heilung hat Pöllen aufgegeben. Er nimmt Antidepressiva, versuchte sich an Yoga und Thai Chi. "Das hat aber überhaupt nichts gebracht. Ich hatte sogar das Gefühl, dass die Tics durch die Ruhe und Konzentration auf mich selbst eher schlimmer wurden", berichtet er. Er suchte Spezialisten in Aachen und Köln auf. In einer Kölner Klinik ließ er sich dann einen Hirnschrittmacher einpflanzen. "Freunde sagen mir, dass ich dadurch ruhiger geworden sei und es besser wäre. Ich selbst merke davon aber nichts. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir von der Operation wesentlich mehr versprochen", erzählt der in Krefeld lebende gebürtige Duisburger.

Doch auch mit dem Gerät sind die Tics gut wahrnehmbar. "Ich habe früher versucht, sie zu vermeiden. Aber das funktioniert nicht auf die Dauer. Irgendwann will der Tic einfach raus. Man kann es mit einem Niesreiz vergleichen. Irgendwann kann man es nicht mehr unterdrücken und meist ist es dann sogar noch schlimmer", berichtet Pöllen.

Früher, erzählt er, habe er dazu geneigt, sich regelrecht Tics von anderen Betroffenen "abzuschauen" und sie zu übernehmen. Darum mied er für Jahre Treffen mit anderen Betroffenen. Dass dies andere Interessenten abhalten könnte, dessen ist er sich bewusst. Bei ihm allerdings ist diese Tendenz heute nicht mehr gegeben, sagt er, und so hofft er auf zahlreiche Mitstreiter, die sich zu den kostenlosen Treffen in der Mühlenstraße 42 in Krefeld einfinden.

Die Veranstaltungen der Selbsthilfegruppe sind momentan für ungerade Kalenderwochen geplant, je nach Resonanz denkt Pöllen aber auch über einen monatlichen Turnus nach. Er hofft auf zahlreiche Mitstreiter, die sich zu den kostenlosen Treffen einfinden. Finanziert werden sie durch einen gemeinsamen Topf der gesetzlichen Krankenkassen.

Interessenten bekommen Informationen bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle Krefeld unter 02151-9619025 oder selbsthilfe-krefeld@paritaet-nrw.org.

Quelle: RP
 
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