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Nachruf auf Karl-Heinz Ramacher
Krefelds letztes Gesamtkunstwerk

Nachruf auf Karl-Heinz Ramacher: Krefelds letztes Gesamtkunstwerk
Caco war Maler, Performer, Musiker, Initiator - ein Gesamtkunstwerk. Sein Markenzeichen war die bunte Mütze. Auf dem Foto zeigt er kleinformatige Gemälde als Kaleidoskop dessen, was ihn beeinflusste - von Joseph Beuys bis zur PopArt. FOTO: LOTHAR Strücken
Krefeld. Karl-Heinz Ramacher ist tot. Der Mann, den alle nur als Caco kannten, hat lange, mutig und mit schonungsloser Offenheit gegen den Krebs gekämpft. Krefeld wird leiser sein ohne den Mann mit der Mütze. Von Petra Diederichs

Seine Stimme war dünn geworden in den letzten Monaten. Oft verließ ihn die Kraft. Doch an guten Tagen hielt ihn nichts in seiner Atelierwohnung. Dann ging Caco raus unter die Leute, organisierte Baumpflanzungen, Vorträge über Beuys und erzählte ganz offen, wie zermürbend sein Leben mit dem Krebs war. Caco benutzte ein deftigeres Wort.

Er nahm nie ein Blatt vor den Mund. Das Wissen um den tödlichen Ausgang seiner Krankheit hat ihn demütig gemacht dem Leben gegenüber. Unermüdlich hat er dem schwächer werdenden Körper Momente voller Energie abgerungen. Am 12. Mai, dem Tag, dem Joesph Beuys 98 geworden wäre, ging im Südbahnhof das letzte von Caco initiierte Symposium über die Bühne. Am Freitag ist Caco im Alter von 68 Jahren gestorben.

Beuys fühlte Caco sich eng verbunden, er teilte dessen Kunstbegriff, war ebenfalls sozial- und umweltpolitisch engagiert und empfand sich als Beuys-Schüler in der natürlichen Pflicht, mit Aktionen die Verbindung von Beuys zu seiner Geburtsstadt Krefeld lebendig zu halten. Die Umbenennung des Karlsplatzes vor dem Kaiser-Wilhelm-Museum in Joseph-Beuys-Platz hat Caco initiiert. Sein an Beuys' "7000 Eichen" angelehntes Projekt "3333 Bäume", das er nach dem Orkan "Kyrill" ins Leben rief, der allein in Krefeld 12.000 Bäume entwurzelt hatte, wird nun auch Cacos Andenken lebendig halten.

Nicht immer fand der Mann mit der bunten Mütze Gehör und breite Zustimmung. Er konnte verstören, wollte anecken. Er lebte in Extremen und redete über sich gern mal im Superlativ. "Caco documental" nannte er den bunten Nachlass aus seinem bewegten Künstlerleben, den er bereits vor Jahren ans Stadtarchiv gab. Die Anspielung an die documenta war beabsichtigt, wenn auch mit Augenzwinkern. Versöhnlichkeit hat er sich hart erarbeitet. Geboren ist 1948 in Köln, als Karl-Heinz Ramacher - ein Kuckuckskind, das der Mann seiner Mutter nach der Rückkehr aus dem Krieg ablehnte.

Die Mutter gab ihn weg, der Junge wurde durch Heime gereicht, erzogen von katholischen Nonnen. Über die dunkle Zeit hat er lange geschwiegen, bevor er sie dann offen aufarbeitete. Von den harten Strafen und körperlichen Misshandlungen hat er erzählt, von den vielen Bemühungen als Kind, geliebt zu werden. Ebenso offen hat er auch von seinen Süchten, den Exzessen mit Drogen und Alkohol gesprochen, von Depressionen, Ausnüchterungen, Entzügen. Caco wusste um seine Schwächen, daraus zog er Kraft. Halt gab ihm die Familie: Ehefrau Renate, der Fels für seinen brandenden Überschwang.

Die Kunst war sein Lebenselixier. Auch da war er exzessiv. Er betrieb eine manische Form des Pointillismus, füllte selbst große Leinwände mit kleinsten Pinseltupfen, erschuf Farbkosmen mit psychedelischer Qualität. Caco war ein Kind des Fluxus, jener Avantgarderichtung der 1960er Jahre, bei der nicht das Kunstwerk wesentlich ist, sondern die schöpferische Idee.

Da war er in Gesellschaft von John Cage, Yoko Ono, Nam June Paik, Bazon Brock. Malerei, Performance, Happening - und vor allem Musik. Caco stürzte sich in alles. Mit dem "Jupp van de Flupp"-Orchester wurde er unüberhörbar. Er mischte mit seinen Trommelprojekten mit, die er auch als Therapiemöglichkeit sah. Bei seinen Aufenthalten im Alexianer-Krankenhaus knüpfte er viele Kontakte zu psychisch Kranken, die er in seine Musikaktionen integrierte.

"Ich finde es nicht in Ordnung, wenn alle nur über Zustände meckern. Ich frage: Was tut ihr dagegen - dann kommt nur Achselzucken", sagte Caco einmal. Er war einer, der handelte, wenn ihm etwas widerstrebte. Er hat Häuser besetzt und sich eingesetzt, dass das Folklorefest an der Alten Kirche weiterbestehen konnte, er hat 1983 gegen George Bush demonstriert, 1985 später mit Helge Schneider und Markus Türk im Theaterzelt vor der Fabrik Heeder Fabrik getrommelt.

Mit einem Feindbild hat er im Laufe der Jahre Frieden geschlossen: "Heute verstehe ich Spießer besser. Bevor ich clean war, konnte ich mich mit normalen Leuten nicht unterhalten. Sie haben mich auch nicht interessiert. Heute ist für mich jeder Mensch die Summe seiner Erfahrungen, und deshalb kann mir jeder etwas anderes und Neues erzählen", hat er gesagt.

Das war zu seinem 65. Geburtstag. Da hat er das Stadtsiegel wieder angenommen, das Krefeld ihm 2009 für sein bürgerschaftliches Engagement verliehen hatte. Als die Stadt 2011 mehr als 100 Weiden am Europaring fällte, hat er die Auszeichnung aus Protest zurückgegeben. "Das war ein Fehler", sagte er später. Als er 2015 den Rheinlandtaler erhielt, war seine Freude ungetrübt.

Die Fraktion der Grünen hat angeregt, für Caco einen Baum auf dem Museumsplatz zu pflanzen. "Caco war für manche sicher ein Bürgerschreck, der aber gleichzeitig gewinnend und in alle gesellschaftliche Gruppen hinein integrativ wirkte", sagt Fraktionsvorsitzende Heidi Matthias. "Wir haben nicht nur einen Sohn, sondern einen Herzensfreund unserer Stadt verloren." Caco würde es freuen.

Quelle: RP
 
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