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Krefeld
Mondflug zu Frau Merkel

Krefeld: Mondflug zu Frau Merkel
Koalitionsgespräche, die nicht von Erfolg gekrönt sein werden: Frau Luna (Janet Bartolova), die Merkel des Mondes, umgarnt Steppke (Markus Heinrich). FOTO: M.Stutte
Krefeld. Ein paar politische Anspielungen, eine Ohrwurmparade und ganz viel gute Laune bringt die Operette "Frau Luna" auf die Bühne. Das Premieren-publikum feierte. Von Petra Diederichs

Handwerker Fritz Steppke lebt in Neukölln. Wenn er aus seinem Plattenbaufenster guckt, blickt er auf eine graue Betonwüste, in der selten mal ein Pflänzchen blüht, aber die Satellitenschüsseln auf jedem Balkon wuchern. Er ist ein Kleinbürger mit großen Visionen von einer gerechteren Welt. Dazu hat er die BJLM gegründet - die "Bewejung für Jerechtichkeit un Liebe zwischen de Menschen". Doch die Entscheidungen werden im Regierungsviertel getroffen - und das ist von Steppkes Welt noch weiter entfernt als der Mond. Weshalb er der Meinung ist "die da oben leben alle hinterm Mond".

So geht die Geschichte von Steppkes Mondflug bei Ansgar Weigner im Jahr 2016. Der Regisseur, der am Krefelder Theater schon "Die Liebe zu den drei Orangen" und "Rusalka" in beeindruckende, bunte Bilder gesetzt hat, hat sich Paul Linckes Berliner Operette "Frau Luna" angenommen. Er ist auch diesmal mit leuchtenden Farben und gutem Blick für die Details zu Werke gegangen und liefert den Beweis, dass das bis zum Nicht-mehr-hören-Können totgesagte Genre Operette quicklebendig sein kann, wenn man ein bisschen Staub wegpustet. Weigner spielt mit Gesellschaftsbefindlichkeiten der Gegenwart. Das macht aus Linckes Traum vom fernen Erdtrabanten kein Politdrama, aber einen unterhaltsamen Rahmen für die Schlagerparade rund um die "Berliner Luft, Luft, Luft". Gemeinsam mit Jürgen Kirner (Bühne) und Marlis Knoblauch (Kostüme) kreiert der Regisseur ein Bilderbuch für Erwachsene, ein Märchen mit feinen Bildern, die auf den ersten Blick wirken, auf den zweiten und dritten aber auch noch etwas zu bieten haben: Wenn in der Siedlung die Nacht anbricht, färben sich die Satellitenschüsseln pastellig und werden zu leuchtenden Traumblasen. Es sind lauter kleine Fluchten aus dem grauen Alltag in eine Parallelwelt aus dem Fernsehschirm.

So landet Steppke bei seinem geträumten Mondflug in einer weiß-goldenen Welt, von der man durch ein Guckloch die Erde in weiter Ferne sieht. Ein bisschen erinnert das Gewölbe an die Reichstagskuppel. Und wenn Frau Luna, die hier das Regiment führt, für ihre Ansprachen den Drei-Knopf-Blaser über das Vamp-Kleid zieht, sitzt die Merkel-Anspielung.

Es ist ein Spaß, den auch alle auf der Bühne und im Orchestergraben verströmen. Markus Heinrich ist ein "Viel Herz und noch mehr Schnauze"-Steppke, der mit dem verkrachten Lehrer Lämmermeier (Rafael Bruck) und dem um Stil bemühten Pannecke (Hayk Dèinyan) ein handfestes Männertrio abgibt. Die Revue-erfahrene Kerstin Brix versieht die resolute Frau Pusebach mit so viel Kittelschürzen-Charme, dass man glatt den Duft von Bügelstärke zu riechen meint. Matthias Wippich als sechsarmiger Theophil, der seine Hände nicht bei sich halten kann, Susanne Seefing als Kiezgöre Marie, Michael Siemon in der kunstledernen Uniform als C-Promi-Prinz Sternschnuppe sowie in kleineren Rollen Gabriela Kuhn, Sabine Sanz, Margriet Schlössels und Yasuki Toki sind auch stimmlich tadellos. Janet Bartolova ist als Frau Luna eine Lady, die weniger kess als klangschön ihre Fäden zieht und Koalitionspartner austestet. Alexander Steinitz und die Niederrheinischen Sinfoniker sowie der ausgesprochen spielfreudige Chor lassen die Hits von vor 100 Jahren strahlen, sie walzern im Dreivierteltakt oder pflanzen mit kleinen Marschfolgen dem Publikum Melodien ins Ohr, die sich so schnell nicht rauswaschen lassen. Ganz stimmig dazu sind die Choreografien für die Putz-Elfen und das Wasserballett. Doch mitten in die Wohlfühlwelt blinkt noch die Warnung auf: "Weltuntergang morgen 16.45 Uhr".

Zum Glück ist alles nur Operette.

Nächste Vorstellung Freitag, 11. November, Kartentel.: 02151 805125.

Quelle: RP
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