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Krefeld
Überraschung in St. Dionysius: Kruzifix 600 Jahre alt

Krefeld: Überraschung in St. Dionysius: Kruzifix 600 Jahre alt
Ausdrucksstark: Die Figur hing lange unbeachtet in einer Seitenkapelle der Dionysiuskirche und wurde durch Zufall als wertvoll erkannt. Beim Arm ist am Übergang zur Schulter noch zu erkennen, dass er nachträglich angesetzt wurde. Das Original ist verloren. FOTO: T.L.
Krefeld. Bislang unbeachtet von der Öffentlichkeit ist eine Entdeckung in der Dionysiuskirche: Das Kruzifix, das jetzt im Zentrum der Kirche hängt, ist sehr qualitätvoll und stammt aus dem Spätmittelalter. Von Jens Voss

Die Skulptur des gekreuzigten Christus hing lange Jahre in einer Seitenkapelle - erst der zufällige Blick eines Fachmanns offenbarte ihren Wert: Marc Peez, Restaurator beim Amt für Denkmalpflege im Rheinland, hatte bei einem Rundgang im Zuge der Umbauarbeiten der Dionysiuskirche sofort erkannt, dass das Kruzifix keine neogotische Arbeit aus dem 19. Jahrhundert, sondern eine wertvolle Plastik aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist. Die Arbeit sei "sehr qualitätvoll und ausdrucksstark" und stamme vermutlich aus einer Kölner, eventuell auch aus einer niederländischen Werkstatt, sagte Peez unserer Redaktion. Vor allem die enge Taille sei ein typisches Merkmal spätmittelalterlicher Darstellungen des Gekreuzigten. Die Konsequenzen: Die Figur wurde fachgerecht restauriert und hängt jetzt als eines der wertvollsten Stücke im Zentrum der Kirche zwischen Altarinsel und Tabernakel.

Die Skulptur hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Wie Peez berichtet, diente sie als Missionskreuz - hing also als Glaubenszeichen im Außenbereich der Kirche. Die ursprünglichen Arme sind im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Wie, ist unklar. Vermutlich wurden sie im 19. Jahrhundert ergänzt - mit einer wichtigen Veränderung: Die Hände des Gekreuzigten sind zum Segensgruß geformt; Schmerz und Heilstat des Gekreuzigten wurden so in einem Bild sichtbar. Das war im Spätmittelalter so nicht üblich.

Auch die Farbgebung ist im Lauf der Zeit mehrfach verändert worden. Ursprünglich war der Corpus wohl fleischfarben und mit einem weiß abgesetzten Leinentuch bemalt, sagt Peez. Bei der Untersuchung ließen sich drei Farbfassungen nachweisen - keine davon war die ursprüngliche. Vor allem an den Beinen fanden sich "alte grünstichige Übermalungen, die großflächig deckend aufgetragen wurden und sich farblich deutlich von der Sichtfassung abheben", heißt es im Gutachten dazu.

Generell wirkte die Figur ungepflegt, wies aber keine wirklich gravierenden Schäden auf. Der Corpus aus Eichenholz war weitgehend intakt; die Farbe aber war vielfach abgeplatzt; so wies die Oberfläche deutliche "Fehlstellen" auf, vor allem an den Beinen und an der Bauchpartie sowie seitlich am Lendentuch und an den Körperseiten zum Rücken hin.

Die Oberfläche wurde gereinigt, die Fehlstellen behutsam ergänzt, die Endretusche erfolgte mit Harzlasuren. Heute erscheint die Figur in einem warmen Braunton. Die von Peez genannte Ausdrucksstärke wird vor allem in den Gesichtszügen und der Darstellung des ausgemergelten Körpers greifbar.

So spiegelt die Figur als Ganzes Glaubens-, Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte wider: Dem 19. Jahrhundert war das Bild des leidenden Jesus am Kreuz offenbar nicht genug - es ergänzte die Darstellung um den Segensgruß und deutete so die Auferstehung an.

Quelle: RP
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