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Kr Wie Krefeld Seidenweberhaus
Variante Nr. 5

Kr Wie Krefeld Seidenweberhaus: Variante Nr. 5
Der Theaterplatz ohne Seidenweberhaus - mit freier Sicht auf Theater und Mediothek. Variante Nr. 5 in der Debatte um die Zukunft des Seidenweberhauses: Ersatzloser Abriss und zehn Jahre Auszeit ohne Neubau. Das für unsere Montage zugrundeliegende Foto entstand vor dem Neubau der Mediothek; das Seidenweberhaus ist wegretuschiert. FOTO: RP / Foto Lammertz
Krefeld. Seidenweberhaus sanieren? Neubau auf dem Theaterplatz? Oder hinterm Bahnhof? Kesselhaus ertüchtigen? Es gibt noch eine Variante Nr. 5: Ersatzloser Abriss. Ein Streifzug durch die Argumente dafür. Von Jens Voss

Es gibt einen Satz, der bislang so unangefochten im Raum steht wie die Schwerkraft: Eine Stadt wie Krefeld braucht eine Veranstaltungshalle wie das Seidenweberhaus. Wirklich?

Was, wenn man ein Moratorium für Neubaupläne verabredet, mit dem Seidenweberhaus noch einige Zeit weiterwurstelt, ohne viel Geld 'reinzustecken, und es dann ersatzlos abreißt? Vielleicht versucht die Stadt, sagen wir, zehn Jahre ohne eine solche Halle auszukommen. Wenn man sich die Haushaltslage ansieht, wäre das vermutlich die ehrlichste Lösung. Krefeld ist arm wie eine Kirchenmaus und hat Riesenaufgaben vor sich: Allein die Stadthaussanierung und die Eishallen. Fortschritte bei der Haushaltssanierung sollten den Blick darauf nicht trüben. Wie viel an neuen Schulden dürfen es denn sein: 100, 150, 200 Millionen?

Die Debatte über das Seidenweberhaus wird auch deshalb so leidenschaftlich geführt, weil sie von zwei Gefühlswallungen befeuert wird: Sehnsucht nach einem Befreiungsschlag und Depressionen über das, was in Krefeld seit langem nicht funktioniert. Beide Gefühlslagen bündeln sich im Seidenweberhaus wie unter einem Brennglas.

Stichwort Sehnsucht:

Es gibt mit Gerald Wagener und Wolf Reinhard Leendertz zwei private Investoren, die jeder auf seine Weise versprechen: Wir bauen besser, wirtschaftlicher und schneller als die Stadt. Beide Angebote (Neubau auf dem Theaterplatz und Ausbau des Kesselhauses) stoßen auch deshalb auf so viel Interesse, weil die Öffentliche Hand als Bauherr im Verdacht der Inkompetenz steht. Zu viel Reibungsverluste. Zu viel lähmendes Regelwerk. Zu viel Pfusch. Zu viele Pannen. Das komplizierte Vergaberecht schafft offenbar mehr Probleme, als es löst. Es soll Korruption unterbinden und wirtschaftliches Handeln erzwingen, doch am Ende wird alles viel langwieriger und viel teurer als geplant. Nur private Investoren bekommen regelmäßig ihre Bauvorhaben planmäßig abgewickelt. Siehe Volksbank. In Krefeld ist nun die Sehnsucht mit Händen zu greifen, dass endlich ein öffentliches Projekt einfach mal klappt. Mehr noch: glückt!

Stichwort Depressionen:

Das Seidenweberhaus steht für alles, was in Krefeld seit langem nicht klappt. Es stimmt ja, was viele energisch einwenden, wenn man auf das Seidenweberhaus schimpft: Das Gebäude kann nichts dafür. Stimmt. Es sind Menschen, die jedes Eckchen zur Müllentsorgung und zur Verrichtung ihrer Notdurft missbrauchen. Die andere Hälfte der Wahrheit aber ist: Krefeld hat dieses Haus nie geschützt. Man hätte durchaus etwas tun können, auch ohne Millionen. Die Hochbeete abreißen, um der Drogenszene Deckung zu nehmen. Vorsprünge und Treppenaufgänge einhausen. Durchgänge schließen. Putzen. Streichen. Ausbessern. Pflegen. All das, was jeder Wohnungsinhaber macht.

Doch in Krefeld herrschte Lethargie. Die Drogenszene? Ist eben da. Uringestank? Duftspender im Treppenhaus. Schmutz und Müll? Achselzucken. Dabei hat Krefeld eine "Ordnungsbehördliche Verordnung über die öffentliche Sicherheit und Ordnung auf den Verkehrsflächen und Anlagen". Unter "Verhaltenspflichten" heißt es: "Auf Verkehrsflächen und in Anlagen hat sich jeder so zu verhalten, dass andere nicht gefährdet, geschädigt oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert werden." Insbesondere sei, so steht da weiter, "das Verweilen auf öffentlichen Anlagen in betrunkenem Zustand mit erkennbaren Ausfallerscheinungen und zur Abhaltung von Trinkgelagen" verboten. Verboten auch: "das Verrichten der Notdurft".

Das steht da, heißt Verordnung, ist aber wurscht. Sie wird faktisch nicht durchgesetzt, wie man überdeutlich am beklagenswerten Zustand des Seidenweberhauses sieht und riecht. In der City ist zurzeit erfreulich viel in Bewegung, die Stadt ist auf gutem Weg. Was fehlt, ist der Blick fürs Detail. Der Stadtmarkt zum Beispiel. Da ist ein appetitlicher Markt gewachsen, aber er wird flankiert von einem heruntergekommenen Hinterhofmilieu samt hässlichem Hinterausgang von McDonald's und einer ekligen Mülltonnenparade mit entsprechenden Schleimspuren auf dem Boden. Kann man diese elenden 70 Meter in Richtung Ostwall nicht zivilisieren?

Was in Krefeld fehlt, ist eine Hausordnung Innenstadt. Bitte keinen Masterplan, keine neue Gutachterschlacht über Entwicklungsblütenträume, wie immer unterfüttert mit Demografie-Chinesisch, das wie immer folgenlos fordert, die City müsse mehr altengerechten Wohnraum bieten. Mag ja im Grundsatz richtig sein, aber was fehlt, und zwar jetzt, ist der gute Geist der Reparatur. Der Drang zum Sauberhalten. Auch: Der Druck auf Leute, die sich nicht zu benehmen wissen. Ja, Drogenabhängige sind krank, aber auch sie haben nicht das Recht, öffentlichen Raum zu verschandeln.

Das Schöne ist: Die Innenstadt macht gerade baulich einen Sprung nach vorn. Das Seidenweberhaus wird dabei immer mehr zum traurigen Symbol vergangenen Versagens. Ein Abriss kann auch eine These sein. Ein Neuanfang. Neudeutsch: ein Statement. Also: Kein neues 50-Millionen-Projekt, denn so viel Geld sollen Abriss und Neubau des Seidenweberhauses kosten, wenn die Stadt es macht. Stattdessen: Krefeld macht einen Schnitt. Krefeld hält inne. Krefeld konzentriert sich auf Messbares, Machbares, Naheliegendes. Krefeld verschafft sich Raum zum Atmen, buchstäblich. Der Theaterplatz könnte als leerer Raum Entree zu zwei bedeutenden Krefelder Gebäuden sein: Theater und Mediothek.

Vielleicht kommt dann der Perspektivwechsel von allein: der neue Blick einer Stadt auf sich selbst. Voller Wertschätzung. Das Seidenweberhaus wurde so, wie es heute aussieht, nie wertgeschätzt. Das Todesurteil ist längst gefällt; es wäre nur konsequent, es zu vollstrecken.

Quelle: RP
 
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