| 00.00 Uhr

Krefeld
Wenn der Opernheld dement wird

Krefeld. Eine Oper nach dem Krankenbericht eines Neurologen hatte Premiere im Theater. Das Publikum war fasziniert und begeistert von "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte". Experiment geglückt. Von Petra Diederichs

In der Oper ist die Welt klar strukturiert. Der Tenor ist der Held mit dem glänzenden Schwert. Der Bass steht für die dunkle Seite der Macht. Und die Sopranistin ist umworben, muss aber vor dem glücklichen oder tragischen Ende Seelenpein durchleben. Diese Gesetze stellt "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" komplett auf den Kopf. Der Brite Michael Nyman (*1944) hat einen Stoff vertont, der nicht danach schreit, Oper zu werden: einen Bericht des berühmten Neurologen Oliver Sacks. Der Mediziner hat das Libretto mitgeschrieben. Hier ist der Tenor ein ratloser Wissenschaftler, der Bass ein Seelenblinder, der wegen einer Schädigung im Gehirn, Formen und Gesichter nicht mehr erkennen kann (medizinisch (Visuelle Agnosie), und die Sopranistin ist die Ehefrau des Patienten, die den Veränderungen ihres Mannes hilflos zusehen muss. Das Ende ist offen. Aber das Endstadium der Demenz allseits bekannt.

Das Publikum betritt bei diesem Opernabend im wörtlichen Sinne Neuland. Es sitzt auf der Bühne mit Blick in den leeren Zuschauersaal und auf eine Drehscheibe, auf der sich 70 Minuten lang eine fremde Welt auftut, von der die Zuschauer mehr und mehr vereinnahmt werden. Regisseur Robert Nemack und sein Ausstattungsteam Clement & Sanôu haben das raffiniert eingefädelt. Stationen des Bühnenbildes sind zwischen den Zuschauerstühlen positioniert und das Orchester - zwei Violinen, eine Bratsche, zwei Celli, Harfe und Klavier - ist auf Augenhöhe. Körperlich kann sich niemand entziehen aus diesem Schicksal, das sich um ihn herum entfaltet. Spätestens wenn Accessoires wie eine Lampe oder ein Garderobenständer durch den Raum zu schweben beginnen, ist ein bisschen jener Haltlosigkeit mitzuerleben, die der Patient, Dr. P., verspürt.

Andrew Nolen war in keiner Rolle intensiver als in der Darstellung des aus der realen Welt gleitenden Musikers. Wie er seinen Fuß mit seinem Schuh verwechselt oder statt zu seinem Hut nach dem Kopf seiner Frau greift, das berührt zutiefst. Sein Lächeln ist Melancholie-getränkt, wenn er sich in seiner eigenen Welt einrichtet, aber immer wieder verunsichert fühlt; wenn er spürt, dass für alle anderen die Welt offenbar anders aussieht. Sein Balanceakt zwischen "richtig machen Wollen" nach den Regeln der Normalität, die nicht mehr seine ist, und dem Wunsch, sich in einen behaglicheren eigenen Kosmos zurückzuziehen, ist zutiefst bewegend. Die Szenen, in denen er mit seiner Frau (Debra Hays) entdeckt, dass der Alltag Struktur erhält, wenn er mit Musik ritualisiert wird, strahlen eine innige Wärme und Vertrautheit aus. Die Blicke zwischen beiden erzählen, dass P. und seine Frau eine lange, liebevolle Vergangenheit miteinander teilen. Hays beherrscht das Mienenspiel. Mit einer alarmiert erhobenen Augenbraue ersetzt sie kunstvolle Koloraturen. Trotz hoher gesanglicher Ansprüche gibt es wenig raum, stimmlich zu glänzen - hier ist Charaktergesang gefragt. Auch Markus Heinrich ist ein fassettenreicher Spieler. Er gibt dem Dr. S. die Haltung des abgeklärten Wissenschaftlers, der von seinem Fall fasziniert ist, aber zunehmen menschlich involviert wird. Er zeigt seinem Patienten Bilder vom Empire State Building, vom Prater, von der Wüste. Keines erkennt P., doch wenn die Bilder sich durch den Raum drehen, ist auch im Zuschauerrund die Wahrnehmung nur noch subjektiv.

Die Kammeroper wirft Fragen auf, die ins Mark treffen. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was bleibt, wenn der Mensch seine Vergangenheit und seine gewohnte Gegenwart verliert? P., der Musiker, braucht Musik. "Mehr Musik", verordnet der Arzt. Nyman weist sich mit seiner minimalistischen Tonsprache als versierter Filmkomponist aus, der für viele Leinwanderfolge von Peter Greenaway die Musik geschrieben hat. Die gezupften Streichersaiten geben unter der Leitung von Michael Preiser den Pulsschlag der Geschichte vor, symbolisieren in sich immer wiederholenden Elementen die Festgefahrenheit. Sequenzen, die sich anhören wie vertonte EEG-Kurven, werden versetzt mit harmonischen Motiven und Schumann-Zitaten. In einer Schlüsselszene singt Nolen das Schumann-Lied "Ich grolle nicht". Es fügt sich nicht nur musikalisch in die Reise durch eine von außen kaum nachvollziehbare Erlebniswelt. Es löst mehr aus als alle Erklärungsversuche über Demenzen. - Nach einigen sehr stillen Sekunden applaudierte das Publikum heftig für einen ungewöhnlichen, aufwühlenden Abend.

Weitere Aufführungen am 27. Mai, 3. und 24. Juni, 8. Juli. Da nur etwa 150 Plätze zur Verfügung stehen, ist das Kartenkontingent begrenzt.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Wenn der Opernheld dement wird


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.