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Alexander Bülles
"Eltern bauen an Selbständigkeit der Kinder mit"

Alexander Bülles: "Eltern bauen an Selbständigkeit der Kinder mit"
Verfolgen einen spielerischen Ansatz in der Familienberatung: Alexander Bülles und Janika Quirl in ihrem Büro an der Monheimer Krummstraße. FOTO: Ralph Matzerath
Langenfeld. Der Familiencoach aus Monheim stellt im Langenfelder "Café feminin" das Spiel "Erziehungspoker" vor.

Sie sprechen am nächsten Montag im Langenfelder "Café feminin" über "Aushandlungsprozesse" in der Familie. Früher galt mal: Am Ende entscheiden Mama und Papa. Ist das etwa falsch?

Bülles Wenn am Ende immer die Eltern entscheiden würden - wie lernen junge Menschen dann, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen? Junge Menschen haben laut Gesetz - Paragraf 1 SGB 8 - "das Recht auf eine Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit". Das können sie natürlich nur lernen, wenn Eltern sie bei diesem Prozess begleiten.

Welche Konflikte zwischen Eltern und Kindern begegnen Ihnen in Ihrer Tätigkeit als Coach am häufigsten?

Bülles Oft fängt es damit an, dass Erwachsene zu wissen meinen, was das Beste für die jungen Menschen ist. Sie entscheiden über deren Köpfe hinweg, ohne sie überhaupt zu fragen. Junge Menschen wissen oft sehr genau, was sie wollen, und haben oft auch sehr gute Lösungsansätze und Ideen. Erwachsene wollen oft, dass junge Menschen alles genau so machen, wie sie sich das vorstellen. Wichtiger wäre, dass Erwachsene wie Führungskräfte agieren: Einen Rahmen aufzeigen, die Grenzen festlegen und dann das Ziel gemeinsam bestimmen.

Was droht, wenn Eltern über die Wünsche ihrer Kinder regelmäßig hinweggehen?

Bülles Junge Menschen haben zuallererst das Bedürfnis, ihren Eltern zu gefallen, damit sie geliebt werden und die Verbundenheit ihrer Familie spüren. Wenn die Eltern die Wünsche der Kinder ständig ignorieren, bekommen diese in erster Linie das Gefühl, dass sie so, wie sie sind, mit ihren Wünschen und Bedürfnissen, nicht in Ordnung sind. Dies führt langfristig dazu, das die Entwicklung der Persönlichkeit sich nicht voll entfalten kann. Oftmals ist die Folge, dass sie sehr unsicher werden, vor allem in neuen Situationen.

Es gibt da aber auch das andere Extrem: den kleinen Tyrannen, der seine "Erziehungsberechtigten" im Griff hat. Ich habe daheim als vierfacher Vater eine lustige Postkarte: "Erste Grundregel für Eltern: Verhandle nie mit Terroristen!" Was sagen Sie dazu?

Bülles In unserer heutigen komplexen Welt, in der alles möglich ist und quasi unbegrenzt Ressourcen zur Verfügung stehen, ist es für Kinder um so wichtiger, klare Grenzen und Regeln zu haben. Sie geben den Kindern Halt und natürlich auch Orientierung. Sie können das mit einem Fußballfeld vergleichen: Da bieten die Außenlinien den Rahmen, in dem sich alles abspielt. Auf dem Feld dürfen die Spieler selbst entscheiden, wie sie sich bewegen. Ziemlich identisch sollte Erziehung ablaufen. Die Erfahrung zeigt, dass es auch den Erwachsenen an Orientierung fehlt. Daher haben diese auch immer öfter Schwierigkeiten, ihren Kindern Orientierung zu bieten. Eine Überversorgung, wie Sie sie ansprechen, hat meist zur Grundlage, dass die Erwachsenen damit ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen. Dies muss nicht immer zwangsläufig zum Wohl des Kindes sein.

Früher war die "Hausfrau und Mutter" der ruhende Pol in einer Familie, heute sind oft beide Eltern erwerbstätig. Hinzu kommt mehr Stress etwa durch das Turbo-Abi. Hat dies das Konfliktpotenzial vergrößert?

Bülles Erfahrungsgemäß ist das Gegenteil der Fall. Eltern haben weniger Zeit im Tagesablauf, den jungen Menschen geht es da nicht anders. Sie sind schon sehr jung in der Kita, dann kommt Schule mit OGS, es bleibt weniger Familienzeit übrig. Diese wenige Zeit soll dann möglichst angenehm sein. Erziehung bedeutet aber auch immer Auseinandersetzung, Dialoge, Aushandlungsprozesse. Die sind anstrengend und kosten Zeit. Erwachsene - auch Großeltern, Onkel und Tanten - neigen daher dazu, mal eher "Ja" zu sagen, damit alles ruhig läuft. Schließlich haben auch die Erwachsenen gerade frei. Die Konsequenz daraus sind in der Regel die Tyrannen, die Sie angesprochen haben.

Sie bieten den Eltern an, sich "spielerisch" mit familiären Entscheidungsprozessen auseinanderzusetzen. Was soll Ihr "Erziehungspoker" bewirken?

Bülles Erziehungspoker soll Eltern dabei unterstützen, sich untereinander abzustimmen, wie sie mit einem Aushandlungsprozess umgehen wollen. Andererseits kann es Eltern eine Orientierung bieten, wie weit die Eigenständigkeit ihrer Kinder bereits entwickelt ist. Besonders interessant ist es, das Spiel, altersabhängig, mit den Kindern zusammen zu spielen. Wer denkt, dass die Kinder grundsätzlich alles alleine entscheiden wollen, liegt nämlich häufig daneben! Sollten Eltern bei einer Runde Erziehungspoker feststellen, dass sie für ihr 14-jähriges Kind alles immer noch autoritär entscheiden, dann sollten sie daran dringend etwas ändern, damit das Kind seine Eigenständigkeit entwickeln kann.

THOMAS GUTMANN STELLTE DIE FRAGEN

Quelle: RP
 
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