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Leverkusen
Was Herr Pfarrer an Ostern trägt

Leverkusen: Was Herr Pfarrer an Ostern trägt
Heinz-Peter Teller hat sich fürs Fotos ein goldenes Oster-Messgewand übergestreift. Im Schrank hinter ihm hängen rund 50 dieser Casel. FOTO: Uwe Miserius
Leverkusen. Stadtdechant Heinz-Peter Teller wird morgen in goldfarbenem Messgewand am Altar stehen. Welche Stoff-Schätze noch in der Sakristei ruhen? Der Geistliche hat den Kleiderschrank für uns geöffnet. Von Ludmilla Hauser

Wenn Heinz-Peter Teller den Kleiderschrank aufmacht, wird manche Frau blass. Hinter drei Doppeltüren hängen grobe bis edle Stoffe, hängt Baumwolle bis Seide, Samt bis Stickerei. Sortiert nach Farben. Das muss so sein in der Sakristei von St. Remigius in Opladen. Denn welche Farbe Tellers Messgewänder haben, das folgt dem Lauf des Kirchenjahres.

Mittwoch zum Beispiel hat Küsterin Marie-Luise Schöllmann ihrem "Chef", wie die Kollegen Teller nennen, ein violettes Messgewand rausgelegt. Gestern, am Karfreitag, war es ein Rotes. Während Schöllmann den Kleiderschrank betrachtet, erzählt sie, dass Violett die rechte Farbe für den Advent und die Fastenzeit ist, Rot für Pfingsten, Karfreitag und Palmsonntag, Rosa am vierten Fastensonntag und zum Gaudete im Advent getragen wird, Weiß und Gold Ostern, Weihnachten und Heiligenfesten vorbehalten ist.

Diese Stickereien stammen aus dem 15. Jahrhundert. Einst ist das dazugehörige Messgewand im Kloster Altenberg genutzt worden. FOTO: Miserius Uwe

"An den übrigen Tagen trägt der Pfarrer grün", ergänzt sie. Teller zwinkert. "Man könnte sagen, Frau Schöllmann ist meine Ankleidefrau, mein Zeugwart", lobt er. In der Tat legt die Küsterin dem Geistlichen die Messgewänder raus. Und alles, was darunter kommt. Das ist viel. Denn Teller legt über seine Tageskleidung ein Schultertuch, das um den Oberkörper festgebunden wird. Darüber kommt ein weißes Untergewand, die Albe, das mit dem Zingulum, einer Art Kordel, in der Taille festgezurrt wird, noch eine Stola um die Schultern, zuletzt das Messgewand - Fachterminus: Casel.

Klingt, als dauerte das Ankleiden der Tellerschen Dienstkleidung eine halbe Stunde. Er winkt ab. In Sachen Umziehen steht der Stadtdechant einem Laufsteg-Model in nichts nach. "Das dauert höchstens eine Minute", sagt er überzeugt. Neben dem Schrank steht ein Bügelbrett. Wer für Faltenfreiheit sorgt, verrät das eingespielte Team nicht.

Dafür gibt die Küsterin eine Schätzung ab, wie viele Messgewänder in dem Schrank hängen: "Ich gehe davon aus, dass es um die 50 sind." Darunter schwere Stoffe. Die Casel, die Heinz-Peter Teller an Ostern tragen wird, ist goldfarben. "Die hat richtig Gewicht." Das Messgewand stammt aus den 1920er Jahren. Auf der Rückseite laufen längs die gestickten lateinischen Worte Rex Cordium. "Das heißt ,König der Herzen'", erläutert Teller. "Damit bin freilich nicht ich gemeint, sondern Jesus."

Überhaupt seien bei den älteren Messgewändern die Rückseiten die interessanteren. "Früher stand der Pfarrer mit dem Rücken zur Gemeinde. Da gab es hinten mehr zu gucken." Ziemlich viel sogar. Aposteln und Heilige etwa. Teller - kennt sich trotz Zeugwart im Sakristei-Kleiderschrank aus - greift zu einer roten Casel. Vorder- und Rückseite zieren Stickbilder von Heiligen mit dazugehörigen Namen auf Samt.

Die Stickereiborten (Fachterminus: Stab) seien samt Casel, auf die sie genäht waren, während der Französischen Revolution nach Opladen gekommen, stammten eigentlich aus der Abtei Altenberg, erzählt Teller. "Die Stickereien sind schon viel älter - von 1475. Das Gewand haben wir irgendwann durch ein neues ausgetauscht." Teller streicht über den Stab der Vorderseite und grinst. "Hier, die dritte Stickerei von oben, der heilige Bartholomäus, ist viel abgewetzter als die anderen", sagt der Stadtdechant. "Das hat seinen Grund: Auf der Höhe ist der Bauch. Hat ein Pfarrer eine richtig dicke Plauze, schrabbt die samt Stoff immer gegen den Altar. So nutzt sich das ab. Kann ich Ihnen an vielen Messgewändern zeigen. Immer dieselbe Stelle. Merke: Als Pfarrer sollst du keinen dicken Bauch haben."

Und modisch nicht wählerisch sein: Er ziehe alle Casel an, sagt Teller. Klar, ein historisches Gewand wie das mit den Mittelalter-Stickereien, eines aus dem Barock (sieht nach Schürze aus, weil ärmelfrei, "nennt man auch Bassgeige") oder der Gotik (ziemlich kurz) sei etwas Besonderes, "weil das Geschichte ist. Aber es gibt auch hässliche Gewänder". Er holt ein grünes aus dem Schrank: "Das ist Nato-Tarnlook." Andere seien verschossen, weil irgendwer in der Vor-Schöllmann-Ära vergessen habe, die Gewänder in den Schrank zu hängen.

Ganz früher hat es keine Sakristei-Kleiderschränke gegeben. "Da zog der Geistliche zur Messe seine beste Kleidung an." Durch die Völkerwanderung habe es sich anders entwickelt, sei es zur Gottesdienstkleidung gekommen, angelehnt an die Toga aus dem Römischen Reich. "Der Chormantel, noch schwerer als die Casel, ist das Regencape der Antike", erzählt der Pfarrer lachend. Zurück zu einfachen Sonntagskleidern? Der Stadtdechant winkt ab. "Wenn ich am Altar stehe, stehe ich als Jesus da. Da geht es nicht um mich, sondern darum, dass Jesus mit den Leuten die Messe feiert. Das symbolisiert die Dienstkleidung. Egal, wer in den Klamotten steckt."

Quelle: RP
 
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