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Leverkusen
"Wird der Markt privatisiert, geh' ich auf die Straße"

Leverkusen: "Wird der Markt privatisiert, geh' ich auf die Straße"
! Der Markt ist seit Jahrzehnten der donnerstägliche Besuchermagnet. In den Parkhäusern ist an den Kennzeichen zu sehen: Die Marktgänger kommen auch aus Leichlingen, Burscheid, Langenfeld und weiter her. FOTO: Miserius, Uwe (umi)
Leverkusen. Bezirksvorsteher Rainer Schiefer ist Marktgänger. Die jüngsten Entwicklungen auf dem Opladener Platz beunruhigen ihn: vor allem der Ständeschwund an den Rändern und eine mögliche Privatisierung. Ein aufklärender Rundgang. Von Ludmilla Hauser

Um den Marktplatz in Opladen sieht es an diesem Donnerstag luftig aus - wegen des sonnigen Wetters und der leichteren Kleidung der Leute vielleicht. Aber ganz bestimmt, weil die Marktstände gegenüber der Ladenzeile zwischen Restaurant und Optiker nicht da sind. Weil auf dem Bürgersteig gegenüber von Haus Upladin keine Stände mehr stehen. Und am Anfang der Herzogstraße auch nicht.

Den Opladener Bezirksvorsteher Rainer Schiefer beunruhigt das seit einiger Zeit. Auch Opladen Plus hat jetzt eine Anfrage an die Stadt gestellt, warum der Markt ständig verkleinert werde. Droht der Opladener Wochenmarkt, Zugpferd der Marktlandschaft in der Stadt, zu schrumpfen und an Anziehungskraft und Attraktivität zu verlieren? "Dabei hat die Stadt vor zwei Jahren gesagt, dass der Markt rund 40.000 Euro Überschuss im Jahr erwirtschafte", merkt Schiefer an. "Davon profitieren auch andere - die Geschäfte sind voll, die Cafés sind bestens besucht, die Angebote sozialer Einrichtungen werden gut genutzt."

" Bezirksvorsteher Rainer Schiefer fürchtet die Privatisierung. FOTO: UM

Ständeschwund Jetzt stelle er fest, auf der Marktseite zur Fußgängerzone hin fehlten sicherlich sieben Stände, auf der Herzogstraße fünf. "Was passiert hier?", fragt Schiefer - und lächelt, als er erkennt, dass der Heimtextilhändler aus der Herzogstraße nun auf der Ecke zum Opladener Platz seinen Stand hat. Ein vertrautes Gesicht.

Händlersterben "Ich steh' seit 30 Jahren auf dem Markt, davor mein Vater", erzählt Harald Wladarz, der gut 100 Kilometer Anfahrtsweg vom Niederrhein hat. Dass Stände fehlen, ist ihm aufgefallen. "Es liegt teils daran, dass Kollegen das Rentenalter erreichen und niemand mehr nachkommt. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht."

" Händler Harald Wladarz findet die Standmiete ok. FOTO: Miserius, Uwe (umi)

Früher habe ein sporadisch kommender Händler keinen Platz bekommen, so voll sei es gewesen. "Der Markt ist schon stark in die Knie gegangen." Dass an der Herzogstraße Ständen fehlen, sei aus marktorganisatorischen Gründen nicht schlecht: besser ein geschlossener Markt als zu viele Lücken. "Die Stadt hat in den vergangenen Jahren nicht genug aufs Angebot der Händler geachtet, da hat die Qualität gelitten."

Kundenmeinung Eine Opladenerin (61), die gerne Backfisch, frisches Gemüse und Fleisch dort einkauft, pflichtet dem Händler bei: Heute ähnele der Markt teils einem türkischen Basar. "Viele regionale Anbieter sind von der Bildfläche verschwunden, Obst kommt teils von weit her. Dafür braucht man nicht zum Markt. Da reicht der Discounter", kritisiert sie.

" Bärbel Schlüter spricht über Nachwuchsmangel. FOTO: Miserius, Uwe (umi)

Andere Marktgänger sind weniger kritisch. Christel Bergmoser aus Steinbüchel etwa kommt zwar nur "sporadisch" zum Markt, aber "wegen der Frische her: Eier, Gemüse, das nehme ich immer mit. Und es ist auch schön, dass man soziale Kontakte auffrischen kann. Ich treffe hier immer Bekannte." Das rückt Schiefer in den Vordergrund. "Allein aus diesem Grund ist der Markt so wichtig für den Stadtteil - wegen des sozialen Faktors, gerade ältere Leute treffen sich hier."

Soziale Komponente Das hat auch Markthändlerin Bärbel Schlüter vom Geflügelhof Müller in Burscheid festgestellt. "Meine Familie steht seit 1965 auf dem Markt, ich seit 1999. Die soziale Komponente ist wichtig, die Leute tauschen sich hier aus." Mittlerweile seien viele fliegenden Händler weg. "Überall werden es weniger Stände auf den Märkten. Ob die Marktgänger aussterben?", überlegt sie laut. "Aber auch bei den Händlern fehlt der Nachwuchs. Wenn mein Mann und ich nicht mehr können, ist auch bei uns Schluss. Viele junge Leute sehen darin keine Zukunft mehr. Das ist aber kein Opladener Phänomen." Bärbel Schlüter steht unter anderem noch in Remscheid: "Vor dem Rathaus gab es da einen großen Markt. Das war einmal."

Vielfalt Dennoch, und da hellt sich Schiefers Miene auf, ist der Markt in Opladen etwas Besonderes, sagt Metzger Wolfgang Schöpplein aus Opladen, seit 15 Jahre auf dem Markt. "Er bietet Vielfalt - von Lebensmitteln bis Gardinen, auf vielen Märkten gibt es das nicht mehr." Das lobt auch Obst- und Gemüsehändler Willi Röckrath aus Düsseldorf. "Der Markt hat eine gute Atmosphäre. Wir sind zufrieden. In Duisburg ist das anders. Da haben die Leute kaum Geld, um zum Beispiel Spargel zu kaufen", sagt er und preist seine Saftmaschine an, an der seine Frau Orangen auspressen lässt.

Privatisierung Dass es um Wochenmärkte im Ruhrgebiet schlimmer steht, berichtet auch Harald Wladarz. Er kennt zudem privatisierte Märkte. "Den Unterschied spürt man als Händler kaum." Die Standmiete sei ähnlich. In Opladen zahlt der Stoffhändler drei Euro pro Meter. "Das ist gang und gäbe." Vor einer Privatisierung hat Rainer Schiefer Sorge. "Ich habe schon vor Jahren gesagt: Wenn die Stadt den Markt privatisiert, geh' ich auf die Straße."

Michele Drescher vom städtischen Fachbereich Recht und Ordnung sagt: "Über eine Privatisierung kann nur die Politik entscheiden." Ob die Stadt ein Beratungspapier dazu vorbereitet, sagt sie nicht. Auch sie kennt privatisierte Märkte wie etwa am Bonner Rathaus. "Der wird von der Marktgilde betrieben, einer Genossenschaft von Händlern."

Händler gesucht Dann gibt Drescher Entwarnung: Während Bürgersteig und Front vor der Ladenzeile aus Sicherheitsgründen freigezogen wurden, weil die Polizei darum gebeten hatte, gilt das für die Herzogstraße nicht: "Sie wäre ausdehnbar - wenn es Bewerber mit interessantem Angebot gibt." Derzeit fragten Textilhändler an. Die möchte die Stadt nicht: "Davon haben wir genug." Vorstellen könnte sie sich Antipasti oder Wild. Das kann sich sicher auch Schiefer schön ausmalen.

Quelle: RP
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