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Laufsport
Werner Beecker läuft und läuft und läuft

Haan. Mit 14 Jahren war der heute 83-Jährige sterbenskrank - doch der Sport rettete ihn. 2000 Siege im Rad- und Laufsport folgten. Von Daniela Funke

Es fällt Werner Beecker sichtlich noch schwer, über den Tod seiner Ehefrau Gerlinde vor gut eineinhalb Jahren zu sprechen. "Hier im Wohnzimmer hat ihr Pflegebett gestanden, zwei Jahre lang habe ich sie gepflegt, sie war schwerkrank, dement, aber ich habe ihr versprochen, dass sie nicht ins Heim kommt, solange ich kann", erzählt der 83-jährige Haaner mit belegter Stimme und nimmt einen Schluck Kaffee "Ich habe ihr so viel zu verdanken, sie hat mir stets den Rücken freigehalten, es war das Mindeste, was ich ihr zurückgeben konnte."

Fast 60 Jahre war das Ehepaar Beecker verheiratet, hat drei Söhne, eine Tochter, unzählige Fotos aller Familienmitglieder zieren die Zimmerwände, viele noch in schwarz-weiß.

Nachdem Werner Beecker mit 14 Jahren schwer an Lungentuberkulose erkrankte, riet der Arzt zu leichtem Fahrradtraining, um die Lunge zu stabilisieren. "Wir hatten zu der Zeit, zu Kriegsende, kein Rad", erinnert sich der Senior noch gut, "aber mein Vater sammelte Teile zusammen und baute daraus ein zusammen." Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur ahnen können, was passieren würde: Der junge Mann, dem die Ärzte nur zwei Jahre Überlebenszeit prognostizierten, infizierte sich schwer mit dem Sportvirus, wollte von da an nur noch Radrennen fahren.

Der Solinger Verein Schwalbe 03 entdeckte schnell das Potential, das in Werner Beecker schlummerte. Ein Sieg folgte dem nächsten, 1955 wurde der damals 23-Jährige Deutscher Meister in der Einerverfolgung über 400 Meter, es folgte der Aufstieg in die Nationalmannschaft. " In der Zeit bin ich vor oder nach der Arbeit jeden Tag mindestens 50 Kilometer Rad gefahren. Wenn ich zum Beispiel Flickzeug oder Ersatzteile brauchte, bin ich mal eben nach Köln und zurück geradelt, habe mich abgebraust und bin dann in die Firma gegangen", erzählt der gelernte Weber nicht ohne Stolz. Ehefrau Gerlinde musste zurückstehen, hatte wenig Hilfe mit den Kindern. Für ihre große Leidenschaft, das Tanzen, blieb keine Zeit. Das änderte sich auch nicht, als Werner Beecker mit 39 Jahren sturzbedingt das Radrennen an den Nagel hängen musste: Er wechselte mit gleichem Ehrgeiz in den Laufsport. Insgesamt mehr als 2000 Siege hat der 83-Jährige errungen, jede Medaille, jeder Pokal, jede Schärpe, jedes Trikot hat seinen Platz in Beeckers Haus oder in der Gartenlaube. "An Aufhören denke ich nicht, solange ich fit bin", sagt der rüstige Senior, "ich laufe nach wie vor alle zwei Tage meine zwanzig Kilometer, ohne Sport geht es einfach nicht."

Eigentlich hatte Beecker für dieses Jahr seine Teilnahme an der Seniorenweltmeisterschaft in Leichtathletik in Lyon geplant - ein Sturz machte ihm einen Strich durch die Rechnung. "Ärgerlich", seufzt der ehrgeizige Rentner, für den Aufgeben im Leben nie eine Option war. "Die nächste WM ist in Neuseeland. Reizvoll wäre das schon, aber ich habe Flugangst", erklärt er. Eine konkrete Erklärung für den großen sportlichen Erfolg hat Beecker nicht, er kann nur mutmaßen. "Ich habe mich gesund ernährt und nie geraucht." Dreimal sei er auf Doping kontrolliert worden, immer negativ. Seine viele Erfolge hätten so manchen Kontrolleur allerdings an der Richtigkeit der Ergebnisse zweifeln lassen. "Mein Trainer hat dann immer gesagt, ich hätte wohl zweimal Ochsenblut vor den Wettkämpfen getrunken, ansonsten seien es einfach meine Gene", erinnert sich der Leichtathlet, der akribisch über jeden Trainings- und Wettlkampfstag Buch führt. Einen Führerschein hat Werner Beecker übrigens nie gemacht, "Dann wirste lauffaul", hatte man ihm prophezeit. "Dafür hat meine Frau noch mit 50 Jahren Auto fahren gelernt." Sie fehlt ihm sehr, man merkt es. Auf einem recht neuen Foto in der Küche sieht man das Ehepaar Beeker tanzen. "Das war das letzte Silvester, das sie erlebte. Plötzlich stand sie auf und tanzte", erinnert sich der Witwer mit glänzenden Augen. Dann wendet er sich ab. Zeit für einen kleinen Lauf um den Unterbacher See.

Quelle: RP
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