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Serie Was macht eigentlich?
Bert Jerabeck - Gladbacher Modepionier

Mönchengladbach. Als Marine-Soldat ist er dem Tod in der Ostsee entronnen, hat direkt nach dem Krieg "Jlabbacher Knupp" gegen Butter und Speck getauscht. Und dann hat Bert Jerabeck, ein großes Verkaufstalent, exquisite Mode in die Stadt gebracht. Von O. E. Schütz

Verkaufen, das kann er glänzend. Mode, sich selbst und wer weiß noch was. Da ist die Geschichte, die Bert Jerabeck, 91 und immer noch "springlebendig", gerne erzählt: Von dem Kunden, der in sein exklusives Herrenmode-Geschäft kam, um ein Paar Socken zu kaufen. Und der, als er ging, Anzug, Mantel, Hemd, Krawatte und Schuhe erstanden hatte - nur die Socken, an die hatte er gar nicht mehr gedacht.

Jerabeck, der eigentlich Hubert heißt, aber viel lieber und schon immer Bert genannt wird (was auch besser zu ihm passt, hat zwar nicht die unerschwingliche Haute Couture nach Mönchengladbach gebracht, aber schon die sehr gehobene und ausgefallene Mode, vor allem die für Herren. "Exquisit" hießen seine Läden: drei für Herren, zwei für Damen, zunächst in Rheydt, dann an Gladbachs Einkaufmeile, der Hindenburgstraße. Hinzu kam noch "Donata", das seine älteste Tochter Petra Kox führte.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der nach dem Krieg als Ex-U-Boot-Soldat aus dem Nichts angefangen hat. "Ich hatte keine müde Mark, und ich hatte auch nichts gelernt", gibt er offen zu. Jedenfalls nichts, was mit Mode und Verkaufen zu tun hatte. Bert Jerabeck hatte zwar eine Lehre als Feinmechaniker begonnen, sich dann aber mit sechszehneinhalb Jahren bei der Marine verpflichtet - siehe unten. Als er nach dem Krieg mit 20 Jahren und wie durch gleich zwei Wunder heil und gesund zurückkam, entdeckte er zufällig etliche Ballen Anzug-Stoff - sehr grober "Jlabbacher Knupp". Er erstand sie und verkaufte sie in Niederbayern - "gegen Speck und etwas Butter". Daraus wurde ein zunächst bescheidener Handel, mit dem er sich über Wasser hielt.

Bis er 1950 Maximilian Wieczorek kennenlernte, der gerade erst an der unteren Hindenburgstraße auf 20 Quadratmetern ein Geschäft für Damen- und Herrenmoden eröffnet hatte, das aber sehr bald zu klein wurde. Noch vor Weihnachten ging es aufwärts: die im Krieg in Trümmern gelegte Hindenburgstraße hinauf, wo (schräg gegenüber dem heutigen McDonalds) 300 Meter Verkaufsfläche entstanden. Das Modehaus "Wico" wurde zu einem Symbol für den Wiederaufbau des Gladbacher Einzelhandels - mit Bert Jerabeck als Geschäftsführer der Herren-Abteilung.

Einem Mann, der die richtige Nase hatte für Mode, die gefragt war oder werden würde. Und nicht zuletzt das unschätzbare Talent, Leuten auch mal etwas zu verkaufen, von dem sie gar nicht gewusst hatten, dass sie es brauchten. Wer Bert Jerabeck in die Finger fiel, der musste schon sehr standhaft sein, um ohne Einkaufstüte zu gehen. "Ich war 13 Jahre bei Wico, und das mit ganzem Herzen", sagt Jerabeck. Bis 1964, als er sich selbstständig machte: mit "Exquisit-Herrenmoden" an der Gracht in Rheydt. Das war zwar nicht ganz die perfekte Adresse für seinen Plan, "immer den schönsten Laden" zu haben. Aber für den Einstieg finanzierbar. Und er nahm viele Kunden mit: Per Anzeige in der RP, auf der sein Foto prangte, teilte er mit, wo man Bert Jerabeck nun finden konnte. "Ich war selbst überrascht, wie gut es lief", sagt er.

Sein Anspruch, außergewöhnliche und exklusive Mode anzubieten, kam an. "Ich habe als erster Einzelhändler hier in den 70er Jahren Kollektionen von den Modemessen in Mailand und Florenz angeboten, hatte manchen großen Namen in Mönchengladbach exklusiv", sagt er. Die guten Beziehungen zu Borussia in ihren großen Jahren halfen dabei auch. Als sie 1975 nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas "Mannschaft des Jahres" wurde, reiste die Delegation - nach einigen Diskussionen - in einem von Bert Jerabeck kreierten Anzug zur Ehrung nach Paris: himmelblau mit weißen Knöpfen. "Sogar der Fabrikant hatte Zweifel. Aber ich wollte mal etwas anderes", freut er sich noch heute über seine Idee. Dank seiner Freundschaft zu Hennes Weisweiler kleidete er auch mal die Fußballer des 1. FC Köln ein.

Der große Stammkundenkreis, der weit über die Grenzen Gladbachs hinausging, wuchs und bestand Jahrzehnte. Die Läden wurden mehr, die Adressen angemessener: die Hauptstraße in Rheydt, die Hindenburgstraße in Gladbach. Schon 1966 gab es "Exquisit Damenmode" in Rheydt, 1976 dann auch in Gladbach, geführt von seiner Frau Karoline. Standort: gegenüber dem damaligen Stadttheater. Karoline hat ihr Geschäft 2011 geschlossen: "Weil es mit dem Bau des Minto drei Jahre eine große Baustelle vor der Tür geben würde", sagen die Jerabecks. "Doch es ist gut, dass die Stadt jetzt das Minto als Attraktion hat. Leider fuhren schon damals manche gut situierte Gladbacher zum Einkauf nach Düsseldorf - um dann festzustellen, dass es bei uns auch die Mode wie in Düsseldorf gab."

Bert Jerabeck hat 1994 seinen exquisiten Herren-Laden an der Hindenburgstraße 150 an einen langjährigen Mitarbeiter abgegeben. "Ich war 70, hatte angefangen, Golf zu spielen", sagt er. Und: "Auch wenn ich mich dann schon mal gefragt habe, ob ich doch noch fünf Jahre hätte weitermachen sollen - es war die richtige Entscheidung."

So hatte er mehr Zeit für Tennis, hat sie bis heute fürs Golfen: "Mein Handicap habe ich von 19 auf 24 heruntersetzen lassen, schaffe nicht mehr 18 Loch und nutze mittlerweile ein Golfcar. Aber ich fühle mich trotz meiner Operation 2011 mit fünf Bypässen noch springlebendig. Ich brauche keine Brille, kein Hörgerät." Er hält immer noch bei allen möglichen Anlässen seine auch von anderen gerne gehörten Vorträge in Reimform, oft ganz spontan. Bert Jerabeck ist halt einer, der nicht nur Mode, sondern auch sich selbst verkaufen kann.

Quelle: RP
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