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Mönchengladbach
Das Berufsleben ist nicht pflegeleicht

Mönchengladbach: Das Berufsleben ist nicht pflegeleicht
Diskutierten mit Sabine Pannhausen von Radio 90,1 (Mitte): Helmut Wallrafen (Sozial-Holding, v.l.), Christoph Poos (Trützschler), Susanne Feldges (Wirtschaftsförderung) und Stefan Löb (Elektro Löb). FOTO: Angela Rietdorf, Kreis Mettmann
Mönchengladbach. Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird immer wichtiger - das "Netzwerk pflegend Beschäftigter" bietet Unterstützung. Das aus einem Pilotprojekt hervorgegangene Angebot ist bundesweit einzigartig, 30 Unternehmen sind Mitglied. Von Angela Rietdorf

Jupp steht im Mittelpunkt des Info-Abends bei der Kreishandwerkerschaft. Er ist Mitarbeiter in einem kleinen Handwerksunternehmen, kompetent, zuverlässig, freundlich. Doch er leidet unter der Doppelbelastung, seinen Vater zu Hause zu pflegen und gleichzeitig seinem Beruf engagiert nachzugehen. So sehr, dass er schließlich nicht mehr weiter kann. Jupps Ausfall wiederum belastet den kleinen Betrieb so extrem, dass er schließlich in Konkurs geht. Ein imaginäres Beispiel, zugegeben. Stefan Löb, Inhaber eines Familienunternehmens, hat es erdacht und Jupp erfunden, um sich mit einem Problem auseinanderzusetzen, das immer öfter auftritt: Berufstätige, die ihre Eltern pflegen.

Die Situation lässt sich in beeindruckende Zahlen fassen: 2013 gab es in Mönchengladbach 10.000 pflegebedürftige Menschen. 2030 werden es bundesweit 3,4 Millionen sein. Viele davon werden jetzt und in Zukunft von Angehörigen gepflegt, die gleichzeitig im Berufsleben stehen. Damit müssen sich Unternehmen frühzeitig auseinandersetzen. Denn es gibt Lösungen - ganz besonders in Mönchengladbach, wo ein bundesweit einzigartiges Angebot existiert: das Netzwerk pflegend Beschäftigter. Dieses Netzwerk ist aus einem Pilotprojekt hervorgegangen. Unternehmen können dem Netzwerk für einen sehr überschaubaren Jahresbeitrag beitreten. Die Mitarbeiter können dann, wenn der Fall eines zu pflegenden Angehörigen eintritt, Unterstützung und Beratung in Anspruch nehmen. "Es gibt kein anderes europäisches Land, in dem der Staat so viel im Bereich Pflege anbietet wie in Deutschland", sagt Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozialholding, bei der das Netzwerk angesiedelt ist. "Aber man muss wissen, welche Angebote es gibt und wer sie beanspruchen kann." Genau das wissen die Berater des Netzwerks. Rund 30 Unternehmen sind Mitglied, unter anderen das Traditionsunternehmen Trützschler, dessen Personalchef Christoph Poos aus der Praxis nur Gutes zu berichten weiß. "Jeder Mitarbeiter bekommt einen Brief mit Infos, einer Karte und der Mitgliedsnummer", erklärt er das Prozedere. "Wenn ein Pflegefall in der Familie eintritt, kann er beim Netzwerk anrufen und einen Beratungstermin vereinbaren." Die Angelegenheiten, die bei einem Pflegefall zu regeln seien, türmten sich auf wie ein Berg, weiß der Personalchef aus eigener Erfahrung. Wenn dann jemand Unterstützung anbiete, sei das eine ungeheure Erleichterung. Bei größeren Mittelständlern wie Trützschler gibt es auch vom Netzwerk ausgebildete Pflegelotsen, die als erste Ansprechpartner dienen. "Es ist natürlich auch immer eine Frage des Vertrauens", sagt Poos. Der Mitarbeiter, für den stellvertretend Jupp durch den Abend geisterte, müsse seine Situation auch ansprechen, aber bei Familienunternehmen sei Vertrauen im Allgemeinen ein Teil der Unternehmenskultur.

Unternehmen sollten sich frühzeitig mit Altenpflege auseinandersetzen. FOTO: Kreis Mettmann

Was denn nun wirklich passiere, wenn Jupp sich beim Netzwerk melde, will Stefan Löb wissen. "Alle Leistungen des Netzwerks sind kostenlos", betont Helmut Wallrafen. Es werde beraten, begleitet und berechnet. Kommt Kurzzeitpflege in Frage? Welche ambulanten Leistungen gibt es? Wie viel Tagespflege kann in Anspruch genommen werden? Auf all diese Fragen gibt es kompetente Antworten. Auch Kurse für pflegend Beschäftigte werden angeboten. Der Vorteil für das Unternehmen: Die bestens eingearbeiteten Fachkräfte stehen nicht unter Dauerdruck. "So kann man gute Fachkräfte binden und halten", stellt Susanne Feldges von der Wirtschaftsförderung fest. Etwas, das in Zukunft immer wichtiger werden wird, nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich. Auf Jupp kann niemand verzichten.

Quelle: RP
 
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