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Mönchengladbach
Die ältesten Zeugen der Heimat

Mönchengladbach: Die ältesten Zeugen der Heimat
FOTO: Andreas Gruhn
Mönchengladbach. Eine Winterlinde und eine Eibe sind die ältesten Bäume im Stadtgebiet. In Volksgarten und Buchholzer Wald sind die ältesten Waldbestandteile. Revierförster Werner Stops kennt "seine" Bäume. Von Angela Wilms-Adrians

Im Schatten der Odenkirchener Pfarrkirche steht der Methusalem unter Mönchengladbachs Bäumen: eine Winterlinde. Mehr als 700 Jahre zählt der sommergrüne Laubbaum, der mit den Jahren an Stabilität eingebüßt hat. Er muss von allen Seiten gestützt werden und ist von einem Zaun eingefriedet. Eine Tafel mit halb verwitterter Schrift weist die Tilia cordata, so der fachkundige Name, als Naturdenkmal aus. Im hohlen Stamm sorgen Eisenstangen für Halt, nach oben ist der Baum eingekürzt. Und doch trotzt er der Zeit sein Leben ab, wie die noch nicht vom Herbstwind fortgeblasenen Blätter beweisen.

Der Laie mag sich wundern, dass der Baum überhaupt noch lebensfähig ist. Doch Revierförster Werner Stops sieht das anders. "Im Kern lagern sich die abgestorbenen Baumzellen ab. Der Kern sichert vor allem die Stabilität des Baumes. Lebenswichtig ist der sich daran anschließende Splint, über den die von den Wurzeln aufgenommenen Nährstoffe und das Wasser nach oben geleitet werden." Außerdem sei auch die Wachstumsschicht wichtig, die Kambiumschicht, die nach innen Splintholzzellen und nach außen Bastzellen bildet und Baumwunden verschließt. "Die Rinde besteht aus Borke und Bast. Die durch Photosynthese gebildeten Assimilate müssen in die Wurzel, und da ist der Bast der Saftstrom von der Krone zu den Wurzeln", so der Förster.

Die Winterlinde an der Ecke der Kirche hat also die Chance, noch einige Hunderte Jahre mehr zu erreichen. Deutlich über 1.000 Jahre kann die Spezies werden. Stops erzählt, dass die Germanen Linden und Eichen als Kultbäume verehrten, weil sie wussten, dass diese Bäume sehr alt werden können.

Die Eibe an der Neusser Straße, gegenüber der Einmündung in den Pilgramsweg, schafft es auf der Liste der ältesten Bäume in Mönchengladbach auf Platz zwei. Zur Straße hin verbirgt sie ein weißes Kapellchen sowie einen kleinen Platz, der mit Bänken zum Verweilen einlädt. Die Eibe - beziehungsweise der Taxus Baccata - zählt mehr Jahre als das in diesem Jahr gefeierte Reformationsjubiläum.

Revierförster Stops berichtet, dass Eiben bis ins Mittelalter sehr verbreitet waren. Dann verschwanden sie vielfach aus der Landschaft, weil aus ihrem Holz Waffen gearbeitet wurden, die als ein erster Exportschlager aus deutschen Landen über Antwerpen ausgeführt wurden. Zumindest im süddeutschen Raum soll es deshalb Fürsten gegeben haben, die den Schutz des Baumes einforderten.

Recht alt sind auch einige Stileichen bei Haus Horst. Die älteste Eiche, ein mächtiger Baum, schätzt Revierförster Stops auf 400 Jahre. "Die wurde knapp vor dem 30-jährigen Krieg gepflanzt", sagt er, um die immer noch große Zeitspanne zu verdeutlichen. Nicht weit entfernt von ihr stehen drei Artgenossen, die es immerhin noch auf etwa 300 Jahre bringen dürften.

In der Bungt des Volksgartens ist ein mächtiger Baum von etwa 250 Jahren zuhause, den Stops' Vorgänger immer als "Kaisereiche" bezeichnete. "Der Baum wurde nachträglich getauft", sagt dazu Revierförster Reinhard Heise, der ebenso wenig wie Stops weiß, auf welchen Kaiser sich der Name beziehen soll. In Archiven könnte die Antwort darauf beizeiten gefunden werden.

Im Volksgarten und im Buchholzer Wald stehen zudem die ältesten Waldbestandteile von Mönchengladbach. In Anspielung auf die Historie sprechen die Forstleute in Verbindung mit dem Volksgarten vom "alten Abteiholz". Sie erzählen, dass der Buchenbestand den Namen des Restaurants "Am Buchenhof" erklärt. "Hier stehen Buchen, die 160 bis 180 Jahre alt sind, darunter die höchste Altbuche des Stadtgebiets. Sie reicht bis auf 40 Meter Höhe. Hier werden nur Bäume gefällt, wenn sie gefährlich werden", sagt Stops.

Er ist natürlich vertraut mit dem Problem, wenn Bäume durch Straßenarbeiten angegraben werden. "Wenn man die Wurzeln mehrfach anschneidet, entstehen Eintrittspforten für Schädlinge", erklärt Stops und betont, dass ein Baum mit mächtiger Krone stets auch ein entsprechendes Wurzelwerk hat. Im Volksgarten wurden daher schon Wege verlegt, um Bäume zu schützen.

Der Buchholzer Wald im Südwesten der Stadt bei Wickrathhahn erhielt seinen Namen vermutlich wegen seiner mächtigen Buchen. Der Hardter Wald ist relativ jung. Er wurde erst zur napoleonischen Zeit aufgeforstet. Vorher prägte eine Heidelandschaft das Bild. In der Heide standen allerdings vereinzelt mächtige Bäume als Schattenspender für die Schafe.

Eine große Buche von schätzungsweise 160 bis 200 Jahren steht unweit des Restaurants "Am Fuchsbau". Sie ist ein Habitat-Baum, der bis zu 300 Lebewesen von der Flechte über Insekten, Vögeln und Pilzen einen Lebensraum bietet. Hier lebt unter anderem ein Schwarzspecht. "Auch die Buche galt den Menschen als heilig. Aus dem Holz der Buche wurden Stäbchen geworfen, um etwas über die Zukunft zu erfahren. Daraus ist später der Name Buchstabe entstanden", sagt Heise. Auf dem Gelände der Hardter Waldklinik steht eine weitere mächtige Buche, die die vergangene Form der Niederwaldbewirtschaftung erkennen lässt. "Die Wälder wurden verschieden genutzt. Wenn sie niederwaldartig genutzt wurden, wurde aus ihnen Brennholz gewonnen. Der Baum wurde immer wieder unten abgeschnitten und wuchs dann nach", sagt Stops über den einstigen Wirtschaftsfaktor.

Das Hardter Exemplar ist aus mindestens drei bis vier Stämmen zusammengewachsen. Aus heutiger Sicht ist dieser Baum wirtschaftlich nicht wertvoll, da sich glatte Stämme besser zu Möbeln verarbeiten lassen. Doch für den Waldbesucher ist diese Buche schön anzusehen. Stops erkennt in ihr zudem ein aussagekräftiges Dokument über die frühere Nutzung von Holz. Er betont, dass unsere heutige Landschaft das Ergebnis mehrerer Rodungsperioden ist. Einst war hier überall Wald.

Quelle: RP
 
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