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Mönchengladbach
Ein Zuhause für Skater

Mönchengladbach: Ein Zuhause für Skater
Kevin (im Vordergrund) ist eines der Kinder, die sich im Rollmarkt regelmäßig an neuen Tricks versuchen. Rechts Kursleiter David Suhari. FOTO: Raupold, Vittinghoff (4)
Mönchengladbach. Im "Rollmarkt" an der Hauptstraße 1 in Rheydt können Jungen und Mädchen Skaten lernen und erfahrene Skater ihrer Leidenschaft kostenfrei nachgehen. Doch eines beschäftigt die Sportler: Die Halle muss voraussichtlich am 15. November geschlossen werden. Von Marei Vittinghoff

15.45 Uhr. Eine Glocke klingelt. Startschuss für den kostenfreien Kids-Workshop am Dienstag. Neun junge Skater kommen aus allen Ecken der ehemaligen Kik-Filiale an der Hauptstraße 1 angerollt, um sich vor der hölzernen Rampe am Schaufenster zu versammeln. Bunte Helme auf den Köpfen, Schoner an den Knien, Turnschuhe an den Füßen, das Board in der Hand: Alles ist bereit für die nächsten 75 Minuten.

"Wer weiß denn wer wir sind?", fragt David Suhari, Leiter des Kurses und selbst mit neon-grün blinkendem Skateboard dabei, in die Sitzrunde. "Die Rollbrettunion", kommt es wissend zurück - der Verein, der der Skateboard-Kultur in der Stadt wieder eine Stimme verleihen will. "Und wo sind wir hier?", führt Suhari das Spiel weiter. "Im Rollmarkt", antwortet der Skate-Nachwuchs erneut richtig - der "überdachte Abenteuerspielplatz", der den Traum einer eigenen Indoor-Halle zumindest als Zwischennutzung zur Wirklichkeit gemacht hat. Bevor es richtig losgeht mit dem Workshop, werden die Grundlagen des Skateboards geklärt. Erst dann geht es über die weiß-schwarzen Supermarktfliesen. Zum Fahren und Bremsen. Zum Hinfallen, Aufstehen und doch einfach Weitermachen. Ole, elf Jahre alt, wird zunächst noch von Suhari Hand in Hand mit dem Board begleitet. Wenig später fährt er ganz allein mit den anderen umher. Geschafft! Handschlag mit dem Kurs-Leiter.

Skater Jonas ist jeden Tag in der Halle, um von dort aus mit seinen Freunden loszufahren oder den Kindern im Rollmarkt neue Tricks beizubringen. FOTO: Vittinghoff Marei

Nach einer Runde "Der Boden ist Lava" ist der Workshop vorbei. Überall stolze und verschwitzte Kindergesichter, die von ihren Müttern und Vätern glücklich in Empfang genommen werden. "Manche Eltern bringen beim Abholen sogar noch Snacks vorbei, weil sie so glücklich sind, dass ihr Kind endlich einen Sport gefunden hat, der ihm Spaß macht", sagt Suhari.

17 Uhr. Die Halle ist nun für den öffentlichen Betrieb geöffnet. Ebenfalls kostenlos - wer hineinkommt, trägt sich einfach vorne in einer Liste ein. Jeden Tag in der Woche ist das von 15 bis 20 Uhr so, freitags und samstags sogar bis 22 Uhr. Ob Luis (5), Leni (10), Jonas (21), Kevin (28), Timo (43): Sie alle sind dann da, um in der Halle ihrer Leidenschaft nachzugehen. Man duzt sich ganz natürlich, ein "Sie" würde unter diesen Menschen auch völlig fremd wirken. "Das ist das Schönste: das Miteinander. Jeder hilft jedem, alle sind füreinander da. Eben eine echte Rollbrett-Union", sagt Timo Hillebrecht, Skater seit 30 Jahren. Nun steht er am Tresen aus alten Paletten und teilt Boards aus an alle, die kommen. "Manchmal haben wir Leute hier, die sprechen kein Wort Deutsch", sagt Suhari. "Hier aber ist es egal, wo du herkommst, wie du aussiehst, oder was du glaubst: Du hast ein Skateboard in der Hand? Dann verbindet uns schon was".

Andreas Balasescu hat für die Rollbrettunion ein eigenes Computerspiel mit dem Namen "Rollbert" programmiert. FOTO: Vittinghoff Marei

Den gegenseitigen Respekt in der Szene schätzt auch Kevin Rekers, ehrenamtlicher Helfer im Rollmarkt. "Ich sag mal so: Neun von zehn Leuten, die Skateboard fahren, haben ihr Herz am rechten Fleck", betont er. Vieles in der Halle wurde gemeinsam gebaut. In einem Hinterraum werden einfache T-Shirts per Siebdruck mit dem Original-Rollbrettunion-Logo gestaltet, ein Graffiti schmückt die ehemalige Supermarkt-Wand, an einem Computer-Bildschirm kann ein von Skater Andreas Balasescu selbst programmiertes Skateboarder-Spiel ausprobiert werden. Und selbst manche Rampen und Hindernisse sind in Eigenanfertigung entstanden.

"Das schafft eine ganz andere Zugehörigkeit zu der Ausstattung. Die Kids wissen, wie viel Arbeit in den Dingen steckt und geben dementsprechend Obacht", sagt Suhari. Der Sport selbst tue ein Übriges. "Man bekommt ein besseres Körpergefühl, eine bessere Balance und kann seine eigenen Fähigkeiten besser einschätzen", sagt er. Und auch ein besonderes Verantwortungsgefühl ist überall in der Halle zu spüren. So zeigen die Älteren den Jüngeren, wie man beispielsweise einen "Ollie" oder einen "Drop-In" macht. "Ich habe das Skaten selbst so gelernt, da will ich nun auch die neue Generation mit hochziehen", sagt Skater Jonas. Sehr zur Freude von Celina (12) und Layna (11). "Wir sind erst seit einer Woche in der Halle und können schon viel mehr, als wir gedacht hätten, weil wir so viel Hilfe bekommen", sagen sie glücklich. Großes Vorbild ist unter anderem Dominic Wenzel. Der 18-Jährige hat sich sein erstes Board vor sieben Jahren geholt, jetzt nimmt er in wenigen Wochen mit sieben weiteren Vereinsmitgliedern an den Deutschen Meisterschaften im Europapark Rust teil. Für ihn geht der Wert des Sports aber noch viel weiter: "Seit ich in der Halle bin, hat sich die Zahl meiner Freunde verdoppelt", sagt er.

"Der Rollmarkt ist mein Lebensmittelpunkt", sagt Timo Hillebrecht. Der 43-Jährige arbeitet hier, skatet jedoch auch noch jeden Tag selbst. FOTO: Vittinghoff Marei

Es könnte alles so schön sein mit dem Rollmarkt. Wenn nicht die Schließung am 15. November bevorstände. Vor einigen Tagen, zum 112. Öffnungstag der Halle, hat Suhari darum ein paar Daten über den Rollmarkt ausgewertet, um sie bei der Stadt als "harte Fakten" vorstellen zu können: 8596 Besucher, 3158 geliehene Boards und Schoner, über 30 Workshops, acht Anfragen von Schulen für AGs und Ferienkurse - das alles seit dem 28. Mai. "Jeden Tag sind im Schnitt 77 Skater hier. Und jedes dritte Kind, das zu uns kommt, stand zuvor noch nie auf einem Skateboard", sagt Suhari. "Das hier ist wie ein Magnet. Ein Zuhause für Skater und alle, die Bock haben".

Der junge Verein aber kann die Kosten alleine nicht tragen und möchte das Geldproblem nicht auf dem Rücken der Kinder austragen - Partner und Lösungen müssen gefunden werden. Darum will die Union jetzt mit Events wie einem Trödelmarkt am 21. Oktober oder einer offenen Skateboard-Stadtmeisterschaft vom 27. bis zum 29. Oktober auf sich aufmerksam machen. Und so die vielen vorhandenen Pläne umsetzen. "Nur so können wir die Kinder erreichen. Wenn wir nicht nur reden, sondern auch handeln", sagt Suhari. Ganz nach dem Motto des Vereins: "Ride here - ride now".

Quelle: RP
 
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