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Mönchengladbach
Eine Brücke kommt gefahren

Mönchengladbach: Eine Brücke kommt gefahren
Der Koloss hat am Freitag gegen 13 Uhr seinen endgültigen Standort erreicht und wird festbetoniert. FOTO: Raupold Isabella
Mönchengladbach. Eine 1500 Tonnen schwere Eisenbahnbrücke musste gestern 30 Meter weit an ihren Standort gezogen werden - ein Meilenstein der Bauarbeiten zum Mittleren Ring ist geschafft. Von Andreas Gruhn

Wer eine Brücke 30 Meter ziehen will, braucht gute Nerven. Und vier Stahlseile. Franz-Josef Knoblauch hat das schon öfter gemacht. Und trotzdem ist das, was an diesem Freitag an der Hubertusstraße vor sich geht, auch für den Projektingenieur der Bahn etwas Besonderes. "Ein Verschubverfahren bei so einem Bauwerk ist wirklich nicht alltäglich", sagt der Mann, der dafür sorgt, dass der Mittlere Ring eine neue Eisenbahnbrücke erhält.

Seit zwei Jahren baut die Bahn an der Stelle neue Brücken für die sechs Gleise, damit die Stadt darunter eine viel breitere Straße bauen kann. Die bisherige Hubertusstraße wird zur Sackgasse, die alte nur acht Meter breite Brücke aus dem Jahr 1906 wird verfüllt. Dafür gibt es eine neue, die mit mehr als 20 Metern lichten Weite eine wesentlich breitere Straße, Rad- und Fußwege erlaubt. Dort wird auf etwa 300 Metern das letzte Stück des Mittleren Rings von der Böningstraße bis Reststrauch gebaut. "An dem Nadelöhr kommen wir nun auch im 21. Jahrhundert an", sagt Baudezernent Gregor Bonin.

Bevor die Stadt aber die neue Straße bauen kann, steht wahre Millimeterarbeit an: Ein 1500 Tonnen schweres Brückenteil muss an seinen endgültigen Standort gezogen werden, dabei wird sie von zwei Stahlträgeraufbauten gestützt. Und die wiederum werden von Stahlseilen über eine Verschubbahn gezogen. Ein spektakulärer Einsatz, der gestern ganze Planungsabteilungen der Bahn zum Ortstermin auf die Baustelle lockte.

Ein einziger Antrieb reicht aus, um vier Pressen anzutreiben. Die ziehen an den jeweils nur 1,6 Zentimeter dicken Stahlseilen, die wiederum den Koloss im Zeitlupentempo bewegen. "Der Kraftaufwand dafür ist sehr gering", sagt Ulrich Kunzendorf von der Bauüberwachung der Bahn. "Das Gleitmittel auf den Schubbahnen sorgt dafür, dass die Trägerkonstruktion wie auf Glatteis rutscht." Die Brücke fährt wie auf Schlitten, nur eben sehr langsam: Für einen Meter braucht es etwa zehn Minuten. Immer wird die Fahrt der Brücke gestoppt für begleitende Arbeiten. Am frühen Nachmittag gestern hat der Koloss schließlich seinen endgültigen Standort erreicht, ein Meilenstein des Projekts ist geschafft. Nun wird das Bauwerk dort auf Bohrpfählen, die 20 Meter tief in den Boden ragen, festbetoniert. Danach werden Restarbeiten etwa für die Böschung erledigt, die zwei Gleise auf der Brücke neu verlegt, und am 6. September um 4 Uhr morgens müssen die Gleise wieder frei sein.

Denn die beiden Hauptgleise, auf denen eigentlich der Schienen-Verkehr in Richtung Aachen rollt, sind seit Mitte August gesperrt. Die Züge rollen in dieser Zeit über die vier anderen, parallel liegenden Gleise. Das sorgt für Verzögerungen, es ist eng. Deshalb musste das neue Brückenbauteil - anders als die vorhergehenden -auch 30 Meter entfernt von ihrem eigentlichen Standort gebaut werden. Hätte sie direkt an Ort und Stelle gebaut werden müssen, wären die Gleise ein halbes Jahr gesperrt gewesen. Das wollte die Bahn verhindern. Und so kam es gestern zu dem Schauspiel.

Damit ist der dritte Bauabschnitt der Brücke weitgehend fertig. Ab Oktober wird die Stadt mit den Kanal- und Straßenbauarbeiten beginnen. Ende 2017 soll die neue Straße fertig sein. Insgesamt kosten Straßen- und Brückenbau die Stadt rund 13,8 Millionen Euro. Davon übernehmen Bund und Land 7,9 Millionen Euro. Damit wäre der Mittlere Ring (Geistenbecker Ring) in seinen verschiedenen Bauabschnitten 18 Jahre nach dem ersten Spatenstich fertig, sagt Frank Gauch, Abteilungsleiter Straßenneubau der Stadt.

Quelle: RP
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