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Gastbeitrag 500 Jahre Reformation
Einsichten und Impulse - eine erste Bilanz

Gastbeitrag 500 Jahre Reformation: Einsichten und Impulse - eine erste Bilanz
Das Kunstprojekt "reFORMation-transFORMation" mit Museumsdirektorin Susanne Titz und Pfarrer Stephan Dedring in der Rheydter Hauptkirche. FOTO: Ilgner (2), Raupold
Mönchengladbach. Endlich geschafft! Das Reformationsjubeljahr geht langsam zu Ende, und wir können allmählich wieder mit dem alltäglichen Geschäft beginnen. Die Frage "Was wird es bringen?" hat sich gewandelt in: "Was hat es gebracht?" Von Martina Wasserloos-Strunk

Um das vorwegzunehmen - Feierlichkeiten, Veranstaltungen, Gottesdienste, Vorträge, Liederabende, Luthermahle, ökumenischen Versammlungen, Buchneuerscheinungen, Choralbearbeitungen, Diskussionsrunden, Exkursionen, theologischen Neubewertungen - es war eine abwechslungsreiche Zeit.

Dabei hatte zu Anfang alles unter dem Vorbehalt gestanden: kostet eine Menge Geld, erreicht wahrscheinlich nur die Kerngemeinden, Luther hätte es nicht gewollt, und die anderen Reformatoren werden gar nicht erwähnt. Abseits der zahlreichen Spaßangebote im Reformationsjahr, der Luthersocken und "Vitaminlutheretten" - mit denen wir uns an den Rand der völligen Lächerlichkeit begeben haben - haben wir über vieles neu nachgedacht und uns unserer Wurzeln und Werte vergewissert: Freiheit des Glaubens, keine Macht über das Gewissen des Einzelnen, Bildung für alle, eine Kirchenordnung, die häufig als Grundlage der Demokratie bezeichnet wird - das ist schon was!

Auf dem Foto unterzeichnen bei der Reformationssynode in Rheydt Bischof Helmut Dieser (l.) und Präses Manfred Rekowski in der Rheydter Hauptkirche einen "Ökumenischen Brief". FOTO: Raupold Isabella

Was man jetzt schon im Rückblick sagen kann: Wir sind nicht mehr die, die vor einem Jahr in den Festtrubel gestartet sind. Wir haben viel entdeckt - zum Beispiel, dass es eine ganze Menge kluger Frauen der Reformation gegeben hat, die selbstständig für die reformatorischen Gedanken eingetreten sind und dafür einiges auf sich genommen haben. Wir haben auch gelernt, dass die Geschwister der römischen Kirche die Reformation nicht als "Abfall vom richtigen Glauben" verstehen, so wie wir evangelisch-muffelig es oft gemutmaßt haben, sondern als eine konfessionsübergreifende Aufforderung an die Kirche, sich selbst zu überdenken und zu reformieren.

Leider hat das Reformationsjubiläums-Bildungsprogramm wahrscheinlich wieder nur die erreicht, die so was immer erreicht: protestantische und sonstige Bildungsbürger - alle anderen haben dabei leider ein wenig vor der Tür gestanden. Aber das ist nur mein persönlicher Eindruck. Dass Kirche in der säkularen Welt überhaupt nicht mehr selbstverständlich, sondern immer und überall erklärungsbedürftig ist, das haben wir vielleicht geahnt, aber in diesem Jahr von vielen Menschen "außerhalb" der Kirche auch ziemlich klar gesagt bekommen. Eine Chance, aber auch eine große Anstrengung, das ist in vielen Gesprächen sehr deutlich geworden. Dann, wenn wir erklären sollten, was wir eigentlich glauben und warum unser Glaube Einfluss hat auf unser Handeln. Viele andere Einsichten und Impulse für die nächsten Jahre haben sich ergeben - die Reformation ist "auf dem Markt" und soll jetzt weiter wirken.

Das Organisationsteam (v.l.) Ute Dornbach-Nensel, Superintendent Dietrich Denker, Jens-Peter Bentzin (Pfarrer in Monschau), Bettina Furchheim und Friederike Lambrich. FOTO: Ilgner Detlef

Bei allem, was man Positives sagen kann, jetzt, im vorsichtigen ersten Rückblick: Manchmal hatte ich in diesem Jahr auch das Gefühl, dass wir uns genussvoll selbst gefeiert haben und der kritische Blick etwas an den Rand getreten ist. Ist ja auch klar - wenn man einen großen Familiengeburtstag feiert, dann passen die ewig gleichen blöden Geschichten nicht. Und wer sie ausgräbt, ist der Spaßverderber, mit dem keiner Kuchen essen will.

Ob das "Megaevent Reformationsjubiläum" am Ende dazu führt, dass die Kirchen wieder voll und die Gottesdienste gut besucht sind - das wage ich zu bezweifeln. In der Menge der Sinn-Angebote ist das kirchliche Angebot leider eines unter vielen, das muss man ehrlicherweise sagen, auch wenn uns das nicht gefällt. Dennoch, trotzdem und gerade deshalb: Kirche ist ein Akteur der Zivilgesellschaft und steht heute mehr in der Verantwortung denn je. Es reicht nicht mehr, anzuordnen, und das Kirchenvolk folgt. Es reicht auch nicht mehr und hat wahrscheinlich nie gereicht, eine Machtposition aus vermeintlich höheren Weihen abzuleiten. Das haben die Reformatoren klar erkannt.

Reformation bedeutet heute wie zu allen Zeiten: positive Einflussnahme ohne Macht, Vorbildfunktion in allen eigenen Bereichen - von kirchlichen Mitarbeitenden bis zu theologischen Hochschulen. Kritische Reflexion über das, was man tut und sagt. Offenheit gegenüber dem Zeitgeist, aber nicht Unterordnung. Klarheit in der Position, auch wenn es manchmal gegen Widerstände geht und Verbindlichkeit und offene Türen, für alle die kommen - auch wenn sie uns erstmal irritieren. Wenn wir das in der Zeit bis zum nächsten Reformationsjubiläum ernst nehmen und umsetzen, dann hat sich jeder Cent gelohnt - und die "Vitaminlutheretten" sind bis dahin sowieso vergessen.

MARTINA WASSERLOOS-STRUNK IST LEITERIN DER PHILIPPUS-AKADEMIE DES EVANGELISCHEN KIRCHENKREISES

Quelle: RP
 
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