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Redaktionsgespräch Dorothea Hüttersen
Im Sozialbereich kann man nicht mehr sparen

Mönchengladbach. Die scheidende Geschäftsführerin des Paritätischen spricht über die Veränderungen im Sozialbereich und Krisen in Mitgliedsorganisationen. Und sie erklärt die Kunst, wie man unterschiedliche Interessen auf einen Nenner bringt.

Frau Hüttersen, nach mehr als 30 Jahren als Geschäftsführerin des Paritätischen gehen Sie in den Ruhestand. Ein Blick zurück: Was hat sich alles verändert in dieser Zeit?

Dorothea Hüttersen Sehr viel. Als ich am 1. Januar 1984 beim Paritätischen, damals noch DPWV, begann, hatte der Verband zwölf Mitgliedsorganisationen. Jetzt liegen wir knapp unter 90. Es gab nur einen Bereich, den mobilen sozialen Hilfsdienst, der älteren Menschen Hilfsleistungen im Haushalt anbot. Heute reicht das Spektrum von den Kindergärten über die Altenhilfe bis hin zum Pflegebereich. Und die Finanzierung war damals eine ganz andere: Es wurden viele Zuschüsse gezahlt, die nicht an Leistungsnachweise gebunden waren. Heute muss das Geld verdient werden. Aber mir kommt das entgegen. Das alte System war bequem, aber keine Herausforderung. Jetzt haben wir Einfluss darauf, wie es läuft, und sind keine Bittsteller mehr.

Die FDP sieht noch großes Sparpotenzial im Sozialbereich. Gehen Sie an die Decke, wenn Sie so etwas hören oder lesen?

Hüttersen Seit 1993, also seit 22 Jahren, gibt es ein Haushaltssicherungskonzept. Das heißt, man kann im sozialen Bereich nicht mehr sparen, weil die freiwilligen Leistungen der Stadt ohnehin gestrichen oder extrem reduziert sind. An den Pflichtleistungen wiederum kann man nicht sparen, sonst muss das jeweilige Gesetz rückgängig gemacht werden. Die Schulassistenz beispielsweise ist eine Pflichtleistung, die man nur einsparen könnte, wenn das Bundesgesetz zur Inklusion geändert würde.

Die Stadt hatte früher Sozialdezernenten wie Buhlmann, die sich klar positioniert haben, auch oft konträr zu ihrer Partei. Gladbach hatte auch Sozialpolitiker, die von großer Bedeutung waren. Es entsteht heute der Eindruck, es würde nur noch verwaltet und politisch nur noch abgewickelt. Ist das so?

Hüttersen Der Sozialbereich und die Sozialpolitik wurden früher mehr wertgeschätzt. Das ist weniger geworden, das ist richtig. Inhaltlich gab es Verschiebungen: Die Pflege, der Behindertenbereich und die Jugendhilfe mit den Hilfen zur Erziehung sind wichtiger geworden.

Wenn Sie auf Ihre Arbeit als Geschäftsführerin des Paritätischen zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?

Hüttersen Dass sich der Kita-Bereich so gut entwickelt hat. Zu Beginn hatten wir vier Kindergärten, heute sind es 29, und alle haben eine U3-Betreuung. Aber auch der Bereich der Alten- und Behindertenhilfe hat sich großartig entwickelt ebenso wie die Tagespflege. Das Mehrgenerationenhaus in Rheydt ist ein tolles Projekt, das in den Stadtteil hineinwirkt. Es gibt mehr als dreißig Angebote pro Woche vom Müttercafé bis zum Sprachkurs für Flüchtlinge.

Was waren Ihre schwierigsten Aufgaben?

Hüttersen Am schwierigsten war es immer, wenn Mitgliedsorganisationen in eine Krise geraten sind. Wir leisten dann Hilfe zur Sanierung der Finanzen oder bei der Veränderung der Strukturen. Aber gerade Letzteres erfordert oft großes Fingerspitzengefühl, denn manchmal muss der Vorstand sich personell verändern. Das kann sehr schwierig zu vermitteln und umzusetzen sein.

Kam es vor, dass eine Elterninitiative sich verkracht hat und nicht mehr zusammenarbeiten konnte?

Hüttersen Ja, das kam auch vor. Dann mussten wir einen Notvorstand einsetzen, bis alles geklärt war. Es gab auch Probleme, wenn plötzlich bei einem Verein öffentliche Zuschüsse nicht mehr flossen und dann zwölf Leute von heute auf morgen beschäftigungslos waren. In solchen Ausnahmesituationen hilft der Paritätische den Mitgliedsorganisationen. Wir bieten aber auch schon früher Hilfe an. Es gibt beispielsweise den Kita-Service: Da übernimmt der Paritätische die gesamte Verwaltungsarbeit für Kindergärten, die von Elterninitiativen getragen werden. Bei den vielen Vorgaben in diesem Bereich ist das ehrenamtlich gar nicht mehr zu leisten. Das reicht von den vorgeschriebenen betriebsärztlichen Untersuchungen bis hin zu den regelmäßig zu nehmenden Wasserproben. Ein ehrenamtlicher Vorstand kann das alles gar nicht mehr im Blick behalten.

Der Paritätische bindet alle Initiativen ein, die frei und unabhängig sind. Wie ist es Ihnen gelungen, unterschiedliche Interessen auf einen Nenner zu bringen?

Hüttersen Die Initiativen decken in der Tat ein riesiges Spektrum ab. Man muss die Unterschiede aushalten und tatsächlich das ganze Spektrum vertreten. Das geht nur, wenn man sich für die Dinge, die die Initiativen machen, interessiert und miteinander ins Gespräch kommt. Man muss Verständnis für jede einzelne Organisation entwickeln. Es gibt nicht nur eine Meinung, und man darf auch nicht einseitig Partei ergreifen. Das hat erfreulicherweise gut funktioniert. Es gab nie größere Konflikte in Mönchengladbach.

Was muss der Geschäftsführer eines Wohlfahrtsverbandes heute an Fähigkeiten mitbringen?

Hüttersen Man muss sich natürlich in den sozialen Themenfeldern auskennen. Genauso wichtig aber ist Sachverstand im Finanzbereich. Ich bin keine Betriebswirtin, aber ich habe mir von Anfang an diese Kenntnisse angeeignet. Das hat mir sehr genutzt. Heute muss man das schon mitbringen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den anderen Wohlfahrtsverbänden?

Hüttersen Eine Zeit lang lief gemeinsam nicht viel, aber das hat sich in den letzten Jahren geändert. Es gab zum Beispiel eine große gemeinsame Demo auf dem Alten Markt zum Thema Pflege. Aber es könnte noch mehr sein. Das scheitert allerdings oft daran, dass die Arbeitsverdichtung so ungeheuer groß geworden ist.

Auf welchen Gebieten sehen Sie künftig die größten Ansatzpunkte für eine moderne Sozialpolitik?

Hüttersen Die Quartiersentwicklung hat eine große Bedeutung für die moderne Sozialarbeit. Es ist wichtig, die Menschen wieder stärker miteinander zu vernetzen und Formen der gegenseitigen Unterstützung zu schaffen. Wir haben früher als Kinder selbstverständlich für die alte Nachbarin eingekauft. Solche Strukturen müssen wieder aufgebaut werden. Man kann viel ehrenamtliche Arbeit generieren, das sieht man an der großen Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen gegenüber. Aber damit das dauerhaft funktioniert, muss es nachhaltig begleitet werden. Es muss gesteuert werden, sonst entsteht nur Frustration bei den Helfern.

Wie werden Sie künftig im Leben der Stadt präsent sein? Werden Sie sich ehrenamtlich engagieren?

Hüttersen Ich bin seit vielen Jahren im Vorstand der Mumm-Kindergärten. Das mache ich in jedem Fall weiter. Ich würde mich auch gern im Flüchtlingsbereich und in der Quartiersentwicklung engagieren.

Was machen Sie denn jetzt mit der vielen Zeit, die Sie plötzlich haben?

Hüttersen Ich bin ja erst ein paar Tage im Ruhestand und eigentlich habe ich noch gar keine Zeit gehabt. Ich habe noch Dinge für den Landesverband abzuwickeln und arbeite meinen Nachfolger ein. Ich hoffe aber, mehr Zeit für meine Hobbys zu haben. Ich reise gern, koche gern für größere Gruppen und spiele Doppelkopf. Auch bei Ausstellungen und in Museen kann ich viel Zeit verbringen. Das ist in den letzten Jahren alles ein bisschen kurz gekommen.

R. JÜNGERMANN, A. RIETDORF UND D. WEBER FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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