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Serie Denkanstoss
Reise zum Ich

Serie Denkanstoss: Reise zum Ich
FOTO: epd
Mönchengladbach. Für die Liebe Gottes will uns die Fastenzeit die Augen öffnen, schreibt Pfarrer Klaus Hurtz. Und weil es sie gibt, führt er weiter aus, brauchen wir nicht vor uns selbst die Augen zu verschließen. Von Klaus Hurtz

Langsam neigt die Fastenzeit sich ihrem Ende entgegen, und daher sollten wir hinschauen, ob wir ihrem ureigenen Ziel näher gekommen sind. Dabei gilt zu beachten, dass Verzicht, Entsagung, Fasten nie Selbstzweck sind, sondern dass sie Mittel bleiben, um etwas anderes zu erreichen. Schon im delphischen Apollo-Heiligtum ist es unübertroffen formuliert, und gehört damit zum Urwissen der Menschheit: "Erkenne dich selbst." Jede Fastenzeit ist letztlich ein Weg und will eine Reise zum eigenen Ich sein.

Natürlich gibt es so viele Routen zum Ich, wie es Individuen gibt; dabei mögen sich mitunter Wegstrecken anderer kreuzen oder parallel verlaufen, doch nie sind sie identisch. Mehr noch, da wir uns ständig entwickeln und verändern, erhalten sie auch für einen selbst immer wieder einen neuen Verlauf, je nachdem, wann wir diese Ich-Reise beginnen. Aber eine Wegstation müssen wir alle früher oder später passieren, an ihr kommt keiner vorbei. Jeder, der zur Selbsterkenntnis strebt, muss irgendwann feststellen: Ich bin ein Sünder.

Zugegebenermaßen mag das Wort für heutige Ohren fremd klingen, und sicherlich ist auch wahr, dass gottlob die wenigsten von uns Mörder oder Schwerverbrecher sind. Aber gleichwohl gilt, dass wir immer hinter unseren Möglichkeiten zum Guten zurückbleiben, dass wir bewusst oder unbewusst dem Bösen die Tür in die Welt, in das Leben öffnen. Jeder Lebensweg ist mit Fehlern, Versagen, Schuld gepflastert, "menschlich" hat immer einen doppelten Klang. Mit dieser Erkenntnis tut sich unsere Gesellschaft sichtlich schwer: Das Eingeständnis der Schuldfähigkeit scheint den Nimbus des aufgeklärten, freiheitlichen, autonomen Menschen anzukratzen, scheint unser schönes Menschenbild zu beschädigen, doch das Gegenteil ist wahr. Denn wo wir um die Sündhaftigkeit aller wissen, erkennen wir die absolute Gleichheit der Menschen, erleben wir die Bruderschaft der Schuld. Weder Rang, Rasse, Religion, Reichtum, Ruhm, Intelligenz noch sonst irgendetwas machen einen Menschen eo ipso besser oder schlechter. Wir Menschen sind gleich, weil jeder immer wieder seinen Kampf mit dem Bösen zu bestehen hat, immer wieder seinen Weg zum Guten finden muss.

Das hat eine weitere wichtige Auswirkung. In unserer Gesellschaft führt das Verzeihen ein Schattendasein, der mittelalterliche Schandpfahl ist in unseren Sozialen Netzwerken und im Internet neu aufgerichtet. Doch menschliches Miteinander braucht "Vergeben und Vergessen", weil keiner ohne eine zweite Chance auskommt; und Verzeihung fällt leichter, wenn die eigene Vergebungsbedürftigkeit gewusst wird. Zudem ist die Vergebung die Zwillingsschwester der Gnade, und im "Kaufmann von Venedig" hören wir über sie aus dem Mund von Porzia: "Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt."

Damit schließt sich der Kreis, denn nichts braucht der Mensch mehr als einen gnädigen Gott, ohne ihn ist alles nichts. Und dass er aus freier Liebe uns die Fülle der Gnade schenken will, deswegen hat er in Jesus Christus Leben und Leiden, Tod und Auferstehung auf sich genommen. Für diese Liebe Gottes will uns die Fastenzeit die Augen öffnen, und weil es sie gibt, brauchen wir nicht vor uns selbst die Augen zu verschließen.

DER AUTOR IST PFARRER VON ST. MARIEN RHEYDT, FOTO: EPD.

Quelle: RP
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