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"Mensch Gladbach"
Warum uns ein bisschen wild gut tut

Mönchengladbach. Brauchen wir eine durchgestylte Stadt? Ist nicht auch das Schräge, Wilde schön? Ich meine: Ja! Und spreche zwei älteren Herren ein großes Lob aus. Von Dieter Weber

Willkommen in Müll-City. Nein, ich werde mich jetzt nicht zu den Rolltonnen äußern. Ich werde auch nicht das Umfeld der Container-Standorte beschreiben und Gruby, den Kult-Container von der Egerstraße, nachträglich alles Gute zum neuen Jahr wünschen. Ich will nur einmal meine Eindrücke schildern, die viele Pendler mit mir teilen.

Nach dem Sturm in der Nacht und am frühen Morgen des Donnerstags präsentierte sich die Kaldenkirchener Straße als wilde Müllkippe. Der Grund war simpel: An der Straße lagen viele gelbe Säcke, und die hatten dem Tosen der Natur nachgegeben und waren geplatzt. Das Innere, wunderschöner Plastikmüll, verteilte sich auf der gesamten Straße. Gut, kann man sagen: Da kann niemand etwas dafür, weil der Sturm und so weiter. Vielleicht fand sich ja auch jemand, der alles wieder sauber machte.

Am gestrigen Freitag präsentierte die Bismarckstraße kurz vor 10 Uhr ihre Müll-Performance. Dieses Mal gab es zwar keinen Sturm, dafür wurde Papierabfall abgeholt, der sich aus allerlei Zwängen befreit und den Fußgängerweg für sich entdeckt hatte. Kann ja alles mal passieren. Wer aber in diesen zwei Tagen über diese Strecke in die Stadt fuhr, bekam keinen guten Eindruck. Und Kollegen erzählten, dass es an anderen Ausfallstraßen nicht viel anders aussah. Irgendwie ist Müll ein Dauerthema in Mönchengladbach. Andernorts sieht's nicht so aus. Wirklich nicht.

So, jetzt genug Negatives, denn das Jahr hält viel Positives bereit. Sie müssen nur einmal den Herrn Bonin im städtischen Planungsamt in Rheydt besuchen. Er kann Ihnen Pläne in einer dermaßen großen Fülle zeigen, dass Ihnen die Ohren schlackern. Maria-Hilf-Gelände, neues Rathaus, City Ost, Reme-Areal, Carl-Brandts-Haus, wie die Stadtbibliothek heißt - von allen Projekten gibt es schöne Pläne (übrigens ohne ein Fitzelchen Müll auf Straßen, Plätzen und Grün). Diese Entwürfe zeigen derart gelungene Strukturen, dass man eine durchgestylte Stadt erwarten darf.

Gestatten Sie mir, dass ich da Bedenken anmelde. Nur leichte, sie sind vielleicht auch nicht der Rede wert. Wollen wir wirklich alles Eckige, Kantige, Ungewöhnliche, Wilde, Schräge opfern und alles einer wie auch immer gearteten Gestaltungsnorm anpassen? Ich gestehe: Damit habe ich meine Probleme. Ich weiß zum Beispiel nicht, warum es notwendig ist, so viele Bäume auf dem Edmund-Erlemann-Platz am St. Vith zu beseitigen. Dass der Biergarten größer werden soll, ist richtig. Aber stören die da stehenden Bäume das Bild, die Sichtachsen, den Blick auf Kirche und Gasthaus? Und ich frage mich: Was hätte Naturfreund "Eddy" Erlemann, dessen Namen der Platz trägt, dazu gesagt? Ich bin mir sicher: Er hätte für den Erhalt der Bäume gekämpft.

Zwei ältere Männer haben mir in dieser Hinsicht diese Woche imponiert. Harald Görner (74) und Heinz Rütten (63) haben ein "Stadtökologisches Konzept" erarbeitet. Es ist fundiert in der Analyse, es überrascht mit guten Vorschlägen, es versucht, einfache Wege aufzuzeigen, mehr Grün in die Stadt zu holen, ohne - was leider heute auch oft üblich ist - Planern und Politikern allgemeines Versagen vorzuwerfen und sie auf die Anklagebank zu setzen. Das Konzept der beiden BUND-Mitglieder fordert dazu auf, Stadtraum einmal anders zu betrachten und sich dem Ungewöhnlichen zuzuwenden, das teilweise früher ganz normal war. Wildblumen statt Teppichrasen in Gewerbegebieten und an Straßenrändern, breitere Ackerraine mit blühenden Pflanzen, Grün auf öffentlichen und privaten Dächern. Gewiss, ähnliche Ansätze für ein Umdenken gibt es. Sie müssen nur mehr denn je zur Leitlinie werden. Packen wir's an!

Quelle: RP
 
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