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Mönchengladbach
Wenn das Vergessen beginnt

Mönchengladbach. Demenz kann nicht nur alte, sondern auch schon Menschen mittleren Alters treffen. So wie Regina Hoppe-Kresse aus Korschenbroich. In Selbsthilfegruppen lernen die 60-jährige und ihr Mann, mit dem Schicksal umzugehen. Von Saskia Nothofer

Jahrelang hat sie den Klappcaravan auf dieselbe Art und Weise aufgebaut. Jeder Handgriff funktionierte wie automatisch, der Wagen stand in kurzer Zeit. Doch eines Tages wusste Regina Hoppe-Kresse plötzlich nicht mehr, wie es geht. "Das war ein Schlüsselerlebnis", sagt die 60-Jährige. "Da wusste ich, dass etwas mit mir nicht stimmt."

Die Korschenbroicherin leidet an Frühdemenz, ihre Diagnose erhielt sie im März 2015. Um zu lernen, mit dem Schicksal umzugehen und um Menschen mit der gleichen Diagnose zu treffen, besucht sie die Selbsthilfegruppe Frühdemenz des Paritätischen Wohlfahrtverbandes. "Die Betroffenen haben hier die Möglichkeit, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu lernen, den Alltag neu zu gestalten", erklärt Nicole Hütz, die die Gruppe leitet. "Welche besonderen Fähigkeiten haben sie? Was macht ihnen am meisten Freude?" Martin Kresse besucht eine Gruppe für Angehörige. "Die Treffen tun mir gut, denn geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt der Ehemann. "Schließlich muss auch ich mit meinen Kräften haushalten, meine Batterie soll schließlich noch etwas halten." Nur wenn es den Angehörigen gut gehe, gehe es auch den Betroffenen gut, ergänzt Hütz.

Bis die Diagnose Frühdemenz feststand, wurde bei Hoppe-Kresse, die Sozialpädagogin ist, zunächst eine Depression vermutet. Überlastung und Überarbeitung wurden als Gründe für die beginnende Vergesslichkeit angeführt. "Die Gespräche mit der Therapeutin haben mir gutgetan", so Hoppe-Kresse. Seelisch habe sie sich besser gefühlt, doch die Vergesslichkeit blieb. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr alles machen kann, und habe viel darüber gegrübelt, woran das liegt." Ihr Mann ergänzt: "Es war auffällig, dass sie am Arbeitsplatz einfach nicht mehr zurechtkam. Sie hat sich extrem viel Mühe gegeben und war furchtbar erschöpft am Ende des Tages."

Um die Behandlung zu intensivieren kam die 60-Jährige einige Monate in eine Tagesklinik für Depressionen, wo auch Gedächtnistraining angeboten wurde. "Das hat mir gutgetan, aber ich habe gemerkt, dass es mir seelisch bessergeht als den anderen Patienten", sagt Hoppe-Kresse. "Ich war wegen des Vergessens nur punktuell traurig." Da die Vergesslichkeit nicht nachließ, wurde die Gehirnflüssigkeit der 60-Jährigen untersucht.

Als die Diagnose schließlich feststand, hörte die Sozialpädagogin auf zu arbeiten. "Es war natürlich schwierig, die Krankheit zu akzeptieren", sagt sie. Doch etwas anderes blieb der 60-Jährigen nicht übrig, und so verbringt sie nun viel Zeit mit ihren liebsten Hobbys: Musik hören, "am besten Klassik oder Jazz und auch gerne mal laut", und Fahrrad fahren. "Es ist toll, dass sie das so gerne und intensiv macht", sagt Gruppenleiterin Hütz. Hobbys wie diese könnten Betroffene aus der Schockstarre lösen. Zudem sei es wichtig, die Krankheit anzunehmen und weiterzumachen. Also aktiv zu sein und nicht die Öffentlichkeit zu scheuen. "Man muss der Verlust akzeptieren und sich bewusst machen, dass trotzdem noch viele Aktivitäten möglich sind", so Hütz.

Zwar kann die Lebensqualität durch die Unterstützung von Angehörigen, Freunden, Nachbarn und der Selbsthilfegruppe gefördert werden, doch es darf nicht ausgeblendet werden, dass die Krankheit fortschreitet, es keine Aussicht auf Heilung gibt. "Es wird nicht mehr besser", so Kresse. Doch der 64-Jährige resigniert nicht, sieht sogar Positives: "Wir Leben bewusster. Die Wahrnehmung hat sich geändert, unser ganzes Leben wurde durch die Diagnose entschleunigt, es ist weniger stressig."

Quelle: RP
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