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Serie Mein Stadtviertel
Auf dem Kutschbock durch Altfeld

Serie Mein Stadtviertel: Auf dem Kutschbock durch Altfeld
Von Heinz Ermens Kutschbock aus hat man den besten Überblick über die Felder und Wiesen Altfelds. Komet und Castello ziehen die Kutsche. Damit hat sich Heinz Ermen, der an der Altfelder Straße ein Gästehaus führt, einen Kindheitstraum erfüllt. Interessierte können eine Rundfahrt buchen. FOTO: Anja Katzke
Moers. Heinz Ermen betreibt mit seiner Familie in der naturnah gelegenen Ortschaft ein Gästehaus. Er ist überzeugt, dass Altfeld der älteste Ort in Kamp-Lintfort ist. Der Legende nach sollen die Zisterzienser hier ein erstes Kloster gebaut haben. Von Anja Katzke

Kamp-Lintfort Altfeld liegt geografisch genau in der Mitte Kamp-Lintforts. Die Altfelder Straße schlängelt sich durch die Ortschaft. "Sie ist 2,5 Kilometer lang. Und wenn sie auch kurvig ist, verläuft sie klar von Süd nach Nord", erläutert Heinz Ermen, während er seine Pferde Komet und Castello genau über diese dirigiert, mitten hinein in die Landschaft Altfelds. Vom Kutschbock aus hat man den besten Überblick über die weiten Felder und Wiesen. Heinz Ermen kennt in Altfeld jedes Schlagloch, jeden Baum und die Menschen, die wie er an diesem schönen Fleckchen Natur zuhause sind. Unterwegs kommt der 68-Jährige gar nicht aus dem Grüßen heraus. "Das ist meine Heimat. Hier sind meine Wurzeln", betont Heinz Ermen.

Seit 1876 lebt seine Familie auf einer Katstelle in Altfeld. Diese liegt in direkter Nähe der Saalhofer Ley. "Sie führte früher Wasser", weiß Heinz Ermen und vermutet, dass sich deshalb eine Reihe von Katstellen dort ansiedelte. Urgroßvater Theodor Ermen heiratete in die Familie hinein. "Er war Tagelöhner und arbeitete damals als Erntehelfer." Als der Bergbau dann kam, sattelten Ermens Großeltern 1906 um, legten Streuobstwiesen an und verkauften Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt. "Altfeld ist vermutlich der älteste Ort in Kamp-Lintfort", betont Ermen, der früher selbst Landwirtschaft betrieb, vor etwa zwei Jahrzehnten den Betrieb komplett umstellte und ein Gästehaus eröffnete.

Die Zisterzienser sollen, so weiß er aus mündlicher Überlieferung, vor rund 900 Jahren im Althoffsbüschken das erste Kloster aus Holz gebaut haben. "Der Platz wurde ihnen geschenkt, so heißt es. Der Legende nach war Altfeld aber ein sumpfiges Gebiet, und die Mönche flüchteten vor den Stechmücken auf den Kamper Berg. Für gewöhnlich bauten sie ihre Klöster ja nicht auf Anhöhen", sagt er. Jahrhunderte später, als einer der beiden Campingplätze angelegt wurde, sei man bei Bauarbeiten auf alte Eichenbalken gestoßen. Historisch belegt ist diese schöne Geschichte aber nicht.

In direkter Nähe zu seinem Hof, zu dem eine mehr als 200 Jahre alte Eiche den Weg weist, soll ein weiterer wichtiger Ort für die Zisterzienser gewesen sein: Auf der Altfelder Heide soll sich das Camp'sche Hofgericht befunden haben. Eingezeichnet ist es sogar auf einer Karte aus dem Jahr 1750. Altfeld habe sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert. "Es sind leider die landwirtschaftlichen Höfe verschwunden: Dörken, Kreywinkel hießen sie. Die meisten haben keine Nachfolger gefunden", weiß Heinz Ermen.

"Heute gibt es nur noch einen aktiven Bauern mit 200 Kühen", erzählt der Altfelder. Schule und Kirche gab es in der Ortschaft nie. "Wir gehörten zu Kamp", sagt der 68-Jährige und erinnert sich, wie er sich als Kind mit den Freunden an der Eiche traf und von dort aus auf den Weg zur Schule machte. Bis 1967 befand sich an der Altfelder Straße noch die Dorfkneipe "Kreywinkel". "Sie war der einzige Treffpunkt im Ort", erinnert sich Ermen. Das Gebäude aus dem Jahr 1907 steht heute noch, dient aber als Wohnhaus. "Gegenüber war ein Lebensmittelgeschäft. Öl wurde dort aus einem Kränchen abgefüllt. Selbst das Dröppelöl wurde aufgefangen", sagt er und muss ob der Sparsamkeit lächeln.

Ein Lebensmittelgeschäft gibt es in Altfeld seit fast 30 Jahren nicht mehr. "Wir fahren zum Einkaufen in den Niersenbruch. Und über die Schanzstraße ist man ja ganz schnell in der Innenstadt." 160 Einwohner zählt Altfeld. Das hat Ermen hochgerechnet. "Ich habe die Dauercamper nicht mitgezählt." Am liebsten sind Ermen und seine Frau mit dem Fahrrad unterwegs - oder sitzen auf dem Kutschbock. So geht es zuweilen zur Gastronomie auf den Campingplätzen El Dorado und Altfeld. Die sei ganz gut, sagt er. "Viele kommen von weit her wegen der Reibekuchen." Ermen hat sich vor einigen Jahren auf ungewöhnliche Weise selbst einen Kindheitstraum erfüllt. "Ich lutsche jeden Tag ein Werther's Echte". Irgendwann stand auf der Tüte, dass man einen Wunsch aus Kindheitstagen aufschreiben sollte. "Mit ein bisschen Glück würde er sich erfüllen", sagt er. "Ich wollte immer schon mal mit einer Kutsche über unsere Dorfstraße fahren." Ermen beteiligte sich. Ein paar Wochen später kam ein Brief. Er hatte tatsächlich 2000 Mark gewonnen. "Das war der Startpunkt meines Kutschenwesens."

Und so kommt es, dass heute wieder eine Kutsche durchs Dorf fährt und der Kutscher seinen Mitreisenden Natur und Ortschaft zeigt.

Quelle: RP
 
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