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Serie Mein Stadtviertel
Die meisten Lintforter leben im Geisbruch

Serie Mein Stadtviertel: Die meisten Lintforter leben im Geisbruch
Die Barbarakirche ist heute ein Kolumbarium. Für alteingesessener Geisbrucher wie Gerda und Herbert Kirscht (rechts) sowie Gertrud und Karldieter Goß war sie der zentrale Ort im Stadtteil. FOTO: kdi
Moers. Der Stadtteil hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark verändert. Es wurde viel gebaut. Heute leben viele neue Kamp-Lintforter in diesem Stadtteil. Die Eheleute Goß und Kirscht kennen das Viertel noch so, wie es früher einmal war. Von Anja Katzke

Kamp-Lintfort Felder, Wiesen und Äcker, so weit das Auge reichte. Die Eheleute Goß und Kirscht kennen noch den "alten Geisbruch". Herbert Kirscht spielte als Kind mit seinen Freunden zwischen Park-, Eisen-, Schlägel- und Husemannstraße Fußball: "Straße gegen Straße." Karldieter Goß begleitete als Kind seine Tante noch zum Hüten der Kühe an die Schulstraße. "Und der Sonntagsausflug führte uns auf den Kamper Berg, weil die Aussicht auf den Geisbruch so schön war", erinnert sich Herbert Kirscht. Der Kamp-Lintforter Stadtteil, der heute 8923 Einwohner zählt, hat sich seiner seit Kindheit stark verändert.

Auf Karten kann man den "alten" Geisbruch noch deutlich erkennen. Er hat die Form eines Dreiecks, das sich von Schul-, Bruch- und Mittelstraße ausstreckt. "Dieses Dreieck hat sich in den letzten 50 Jahren verdreifacht", sagt Herbert Kirscht, der seit 1950 in dem Kamp-Lintforter Stadtteil lebt. Darin macht das Geisbruch-Dreieck, die Einkaufsstraße, die sich an der Ferdinantenstraße gabelt, nur einen kleinen Teil aus. In den 1950er Jahren seien viele Bergleute in das Stadtviertel gezogen, die auf der Kamp-Lintforter Zeche Arbeit gefunden hatten. "Für sie wurde der Geisbruch zur Heimat", erzählt Kirscht. Die meisten hätten mit ihren Familien in Mehrfamilienhäusern mit Gärten gewohnt. "Damals war man noch Selbstversorger", erzählt Herbert Kirscht.

Spätestens ab den 60er/70er Jahren sei der Geisbruch enorm schnell gewachsen. Kirscht erlebte, wie immer mehr Neubauten zwischen den bereits bestehenden Häuserzeilen entstanden. "Als wir 1971 an die Mittelstraße zogen, hatten wir noch einen freien Blick bis zum Monterkamp. Heute ist alles zugebaut", erinnert sich Gertrud Goß.

Geisbruch- und Mittelstraße liegen im ältesten Teil des Viertels. FOTO: Anja Katzke

Bauland war gefragt. Im Monterkamp entstand 1967 auch das St.-Bernhard-Hospital, heute größter Arbeitgeber in der Stadt Kamp-Lintfort. "Der Bau war für uns damals schon ein Ereignis. So große Häuser gab es hier nicht", erinnert sich Gerda Kirscht. Das Hospital entstand mitten auf einer großen Wiese. Zwei Bauernhöfe mussten weichen. "Ein alter Birnbaum steht wohl heute noch im Park des Krankenhauses", sagt Gertrud Goß. Mit den Jahren sei die Bebauung immer enger, "der Zusammenhalt im Ort ist aber leider nicht größer geworden", bedauern die Ehepaare. Mittelpunkt des Viertels war die Barbarakirche. "Dort haben wir uns kennengelernt", erzählen Gertrud Goß und Gerda Kirscht. 20 Jahre lang standen sie im Pfarrkarneval auf der Bühne und "machten Klamauk". "Bauer Noebels hatte der Kirche das Grundstück vermacht, auf dass sie dort 50 Jahre Messen feiert", hat Gertrud Goß erfahren. Das Pfarrheim von St. Barbara ist noch heute Treffpunkt - auch für die Bruderschaft St. Johannes Nepomuk, der Herbert Kirscht angehört. Er war erster Messdiener der katholischen Kirche.

"Sie war das Zentrum, eine lebendige Gemeinde", erzählt Gertrud Goß und bedauert: "Die Kirche fehlt uns." St. Barbara wurde 2015 profaniert und ist heute ein Kolumbarium. Mit der Kreuzkirche hat das Stadtviertel auch eine evangelische Kirche. 2016 wurde dort das 50-jährige Bestehen gefeiert. Man habe im Geisbruch immer gut leben können, darin sind sich die Familien Kirscht und Goß einig. So gab es drei Schulen vor Ort: Overbergschule, Ernst-Reuter-Schule und die Geisbruchschule. Letztere wurde geschlossen. Auf dem Gelände entstanden barrierefreie Wohnungen für Senioren. Beliebtes Ziel ist der Geisbruch heute bei jungen Familien.

Das Geisbruch-Dreieck ist das Geschäftszentrum im Stadtviertel. Hier findet der Wochenmarkt statt und bald das Geisbruch-Fest. FOTO: aka

Der Hühner-Spielplatz am Dachberger Weg / Ferdinantenstraße bietet Kindern viel Platz zum Spielen. Das Geisbruch-Dreieck und später auch der große Platz an der Bürgermeister-Schmelzing-Straße seien früher florierende Geschäftszentren gewesen. "Es gab Floristen, Drogisten, Bäcker, Metzger und ein Bekleidungsgeschäft. Man konnte dort alles außer Autos kaufen", erinnert Gertrud Goß. "Früher ging man nach der Kirche ins Eyller Eck. Heute befindet sich dort die Pizzeria Nino. Und im Geisbruch-Kasino traf man sich zum Tanz", erzählen die beiden Ehepaare.

An der Schmelzing-Straße ist der Imbiss Heinen heute ein Treffpunkt. "Ansonsten ist in der Ecke nicht mehr viel los", sagt Karldieter Goß. Einkaufen geht man jetzt bei Aldi an der Schmelzing-Straße, an der Parkstraße steht ein Edeka-Markt. Trotzdem: "Es war früher vieler gemütlicher. Man traf immer jemanden in den Geschäften", findet Gertrud Goß. Im Geisbruch-Dreieck geht es heute noch lebendiger zu: Mittwochs findet ein Wochenmarkt statt. Und jedes Jahr steigt im "Dreieck" das Geisbruchfest der ansässigen Geschäftsleute, dieses Mal am 9. September.

Quelle: RP
 
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